DER KREISLAUF DES LEBENS HÖRT ERST AUF, wenn wir den letzten karmischen Heller bezahlt (vgl. Joh 5,26) und die Strafe für die kleinste Sünde erduldet haben. Gott ist gerecht, und alle unsere Handlungen aus zahllosen Lebensläufen sind in einer Art Chronik der Seele aufgezeichnet, so dass nicht einmal die geringste Tat in Vergessenheit geraten kann. Auch Jesus lehrte dieses Gesetz. (Vgl. „Jesus lehrte das karmische Gesetz“, VISIONEN , April 2010 .)
Doch Jesus lehrte auch den Ausweg aus diesem unerbittlichen Kreislauf: eben darin bestand ja seine Mission. Er kam, um Menschen zu erlösen, denen auf schmerzliche Weise bewusst geworden war, dass sie wie verlorene Schafe in einer Welt herumirrten, die nicht ihre Heimat war. Von diesem schmerzlichen Verlorensein spricht Jesus, als er in der Bergpredigt sagt: „Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden“ (Mt 5,4).
Buddha erklärte, dass für die Seele jede Art von physischem Dasein Leid bedeutet. In diesem grundlegenden Sinn gibt es auf Erden niemanden, der nicht leidet. Die meisten sind sich jedoch dieses existenziellen Leidens nicht bewusst, von dem die ganze Menschheit betroffen ist. Sie leiden lediglich unter konkreten Sorgen, Nöten, Krankheiten, unter dem Mangel an materiellen Gütern und anderen Rückwirkungen früherer Karmas. Sind diese Leiden vorbei, vergessen sie ihr Unglück und suchen unablässig nach neuen Freuden und Glücksmöglichkeiten in dieser Welt. Sie fühlen sich glücklich, solange es das Schicksal gut mit ihnen meint, und sind unglücklich, wenn sie unter bestimmten Schicksalsschlägen zu leiden haben. Diese Menschen erinnern sich vielleicht an Gott, wenn sie in Not sind, aber sie vergessen ihn ebenso schnell wieder, wenn wieder günstigere Zeiten für sie anbrechen.
Das karmische Gesetz wirkt nicht nur als Teufelskreis. Man kann es auch dazu benutzen, den „Kreisverkehr“ zu durchbrechen.
JESUS KOMMT ZU DEN TRAUERNDEN, die nicht unglücklich sind, weil ihnen äußere Dinge fehlen, sondern weil sie von Gott getrennt sind, und das auch inmitten äußerer Freuden und Annehmlichkeiten.
Denn nur aufgrund dieses inneren Verlangens werden sie schließlich zu Gott geführt. Diese Menschen nannte Jesus seine verlorenen Schafe, und nur für sie war er der gute Hirte. Ihre Sehnsucht nach Gott ist aber nicht plötzlich innerhalb eines einzigen Lebens erwacht, sondern durch zahlreiche Erfahrungen und Handlungen in früheren Lebensläufen kontinuierlich gewachsen.
Diesen aufrichtigen Gottessuchern sichert Jesus zu: „Wer bittet, der empfängt. Wer suchet, der findet. Und wer anklopft, dem wird aufgetan“ (vgl. Mt 7,8). Er spricht hier von der Kraft des geistigen Gebets. Da Gott ins Verborgene sieht und die Herzen der Menschen kennt, zählt vor ihm nur die aufrichtige Bitte, die ernsthafte Suche und das ehrliche Anklopfen. Die spirituellen Schätze, die es an der inneren Pforte zu empfangen gibt, erhält jeder, der mit ganzem Herzen danach strebt. (Vgl. „Schatzsuche des Herzens“, VISIONEN, April und Mai 2010.) Was wir von Gott empfangen, richtet sich also nach der Stärke unserer Sehnsucht. Ob wir unsere wahre Heimat, das Reich Gottes, finden, hängt davon ab, wie zielgerichtet wir danach suchen. Ob uns die „enge Pforte“ dorthin geöffnet wird, liegt daran, ob wir unsere Aufmerksamkeit vollkommen an diesem inneren Punkt, dem Dritten Auge, sammeln und auf diese Weise „anklopfen“.
ES BRAUCHT GEISTIGE ZIELSTREBIGKEIT, um diesen Weg zu beschreiten. Sie ist die Frucht beharrlicher geistiger Arbeit über mehrere Lebensläufe hinweg und nicht durch einen einzigen Willens- Akt zu erreichen. Gott ist barmherzig und verwehrt seine spirituellen Schätze niemandem, der auf diese Weise danach verlangt. Auch diese Barmherzigkeit ist Teil des karmischen Gesetzes und der darin wirkenden göttlichen Gerechtigkeit. Denn nur eine aufrichtig fromme Lebensweise in vergangenen Inkarnationen bildet den Boden, der einen Menschen in seinem gegenwärtigen Leben zu einer solchen spirituellen Haltung befähigt.
Das karmische Gesetz wirkt nämlich nicht nur in eine Richtung. Wir ernten in diesem Leben keineswegs nur die Früchte aus früheren Inkarnationen, sondern säen gleichzeitig auch neue Saaten, die in der Zukunft aufgehen werden. So ist die Entscheidungs- und Handlungsfreiheit des Menschen immer nur zu einem Teil durch sein Schicksal aus früheren Verkörperungen eingeschränkt. Er kann sie daher auch gezielt dazu nutzen, gute Saaten zu säen und seine künftigen Existenzen günstig zu gestalten.
DER LOHN SIND SPIRITUELLE SCHÄTZE im Überfluss. Sind nämlich genügend gute Saaten zusammen gekommen, erfüllt sich folgendes Jesus-Wort: „Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird Überfluss haben. Wer aber nicht hat, dem wird auch das noch weggenommen, was er hat“ (Mt 13,12). Diese Aussage scheint auf den ersten Blick der Gerechtigkeit Gottes zu widersprechen. Doch dieser Widerspruch ist nur oberflächlicher Natur. Auch hier geht es nämlich um spirituelle Güter. Wer sich bereits in seinen vorausgegangenen Lebensläufen „Schätze im Himmel“ gesammelt hat, indem er sein Leben nach geistigen, gottgefälligen Idealen führte, hat sich damit ein geistiges Gut erworben, das ihn bis ins gegenwärtige Leben begleitet hat.
Das liegt in der Dynamik der göttlichen Offenbarungen: Wer sie empfängt, findet nicht nur Trost (siehe oben) und inneren Frieden. Seine Seele wird durch sie auch fortlaufend von negativen Eindrücken gereinigt. Dadurch wächst wiederum ihr Streben nach Gott, und entsprechend diesem Verlangen werden ihr weitere, immer höhere Offenbarungen zuteil.
Wer jedoch keinen solchen spirituellen Hintergrund aus früheren Lebensläufen mitbringt, weil er sich damals mehr um die Schätze dieser Welt gekümmert hat, die er beim Tode jeweils zurücklassen musste, der tritt aus spiritueller Sicht mit leeren Händen ins Leben. Er erhält zwar die Geburt als Mensch, die ihm unter allen Schöpfungsformen allein die Chance bietet, sich wieder mit Gott zu vereinen. Aber da er nie für dieses Ziel gearbeitet hat, wird ihm auch die gegenwärtige Chance wieder genommen – er verliert auch dieses Leben mit dem Tode und bleibt dem Kreislauf weiterer Wiedergeburten unterworfen.