Der größte deutsche Mystiker Meister Eckhart (geb. vor 750 Jahren, um 1260) kam im Dominikaner-Orden bald zu Ämtern und Würden. Seine aus tiefster Gotterkenntnis gespeisten Predigten und Schriften forderten die Inquisition heraus. Der Tod (1329) bewahrte ihn vor einem Prozess.
In einem jeden Menschen sind zweierlei Menschen. Der eine heißt der äußere Mensch, das ist der Mensch der Sinnlichkeit. Diesem Menschen dienen fünf Sinne. Der andere Mensch heißt der innere Mensch. Das ist des Menschen Innerlichkeit. Nun sollst du wissen, dass jeder Mensch, der Gott liebt, die Kräfte seiner Seele für den äußeren Menschen nicht weiter in Anspruch nimmt, als die fünf Sinne zur Not eben bedürfen; und die Innerlichkeit kehrt sich nicht zu den fünf Sinnen, es sei denn als ihr Weiser und Leiter, der den Menschen hütet, dass er nicht, wie manche Leute tun, der Wollust lebe wie die Tiere, die ohne Vernunft sind. Solche Leute sollten eigentlich mehr Tier als Mensch heißen. Was der Seele an Kräften bleibt, die sie nicht den fünf Sinnen gibt, diese Kräfte gibt sie alle dem inneren Menschen. Und wenn der Mensch einen hohen und edlen Gegenstand hat, so zieht die Seele alle die Kräfte, die sie den fünf Sinnen geliehen hat, in sich, und ein solcher Mensch heißt dann verzückt.
Es gibt aber auch so manche Menschen, die verzehren die Kräfte der Seele allzumal für den äußeren Menschen. Das sind die Leute, die alle Sinne und Gedanken auf äußere und vergängliche Güter richten, die nichts vom inneren Menschen wissen. Wie nun ein guter Mensch etwa den äußeren Menschen aller Kräfte der Seele beraubt, wenn diese einen hohen Gegenstand in sich trägt, so berauben solche tierischen Leute den inneren Menschen aller Kräfte der Seele und verbrauchen sie für den äußeren Menschen.
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