Der spirituelle Freund

Der spirituelle Freund

Aus dem tibetischen Buddhismus

„Bei der Schüler-Meister-Beziehung handelt es sich nicht um eine Beziehung zwischen Herr und Diener, sondern um eine spirituelle Freundschaft, bei der es zu einer Zusammenarbeit zwischen Gleichgestellten kommt.“

VORGESTELLT. Chögyam Trungpa (1939-1987), der Autor der folgenden Wegweisungen, war einer der ersten Lamas der tibetischen spirituellen Tradition, die Menschen aus dem Westen seit Mitte der 60er-Jahre die buddhistischen Lehren nahe brachten.

SICH ZEIGEN, WIE MAN IST. Es ist von wesentlicher Bedeutung, dass man sich öffnet und dem Lehrer so zeigt, wie man ist, statt zu versuchen, sich als Schüler zu präsentieren, der der Mühe wert ist. Es spielt keine Rolle, wie viel du bereit bist zu zahlen, wie korrekt dein Benehmen ist, wie geschickt du darin bist, die richtigen Worte gegenüber deinem Lehrer zu finden. Wir müssen wirklich fest entschlossen sein, ganz und gar offen zu unserem Lehrer zu sein; wir müssen bereit sein, alle unsere vorgefassten Meinungen aufzugeben.

Milarepa (1040-1123) hatte erwartet, Marpa (1012-1097) als großen Gelehrten und Heiligen im Gewand des Yogi vorzufinden, die Gebetskette in der Hand Mantras rezitierend und in Meditation. Stattdessen traf er auf einen Marpa, der gerade auf seinem Acker arbeitete, den Arbeitern Anweisungen gab und sein Land pflügte.

Ich fürchte, das Wort Guru ist im Westen zu oft missbraucht worden. Es wäre besser, von einem „spirituellen Freund“ zu sprechen, denn die Lehren betonen den Aspekt der Begegnung zweier Geister. Es handelt sich eher um eine wechselseitige Kommunikation als um eine Beziehung zwischen Herr und Diener, bei der der eine hoch entwickelt und der andere elend und verblendet ist. In der Herr-Diener-Beziehung sieht es so aus, als säße das hoch entwickelte Wesen nicht einmal auf seinem Platz, sondern als schwebte es in einer Art Levitation über uns und blickte auf uns herab: Die Stimme des Guru ist durchdringend und füllt den ganzen Raum aus; jedes Wort, jedes Husten, jede Bewegung ist eine Geste der Weisheit. Aber das ist ein Traum.

Kannst du wirklich ehrlich und direkt mit deinem Meister kommunizieren? Wie dick ist deine Ego-Rüstung?

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