Der geheime Sprachcode der Bibel

Der geheime Sprachcode der Bibel

Den mystischen Urtext entschlüsseln

„Die Aussagen der Offenbarungsschriften sind nicht auf der Verstandesebene zu verstehen, sondern nur durch den eigenen Zugang nach innen. Lesen wir scheinbar rätselhafte oder widersprüchliche Textstellen auf der Basis eigener innerer Offenbarungen, enthüllen sie uns ihren ursprünglichen, durch falsche Überlieferung, Übersetzung und Auslegung verdeckten spirituellen Sinn.“

Unvereinbare Widersprüche?

Frage: Sie haben wiederholt zwei Dinge erklärt (vgl. VISIONEN, Januar 2008 ): 1. Einheitliche, für die ganze Menschheit verbindliche Werte können ihren Ursprung einzig und allein in Gott haben. 2. Gottes eigene Offenbarungen, wie sie in den heiligen Schriften der Welt bezeugt sind, sind der einzige Weg, wie der Mensch diese Werte erkennen kann. Nun stellen aber gerade diese Schriften ein großes Problem dar, da sie nicht nur im gegenseitigen Vergleich, sondern schon in sich selbst voller Widersprüche stecken.

Nehmen wir zum Beispiel die Bibel mit ihren diversen, auf unterschiedliche Verfasser zurückgehenden Büchern, dann können wir beim Studium dieser Teile kaum an der Tatsache vorbeisehen, dass Gott seinen Propheten augenscheinlich nicht nur sehr unterschiedliche, sondern geradezu gegensätzliche Offenbarungen gewährte.

So befiehlt Gott gleich zu Beginn des Alten Testaments in Abrahams Geschichte das Schlimmste, was von einem Vater verlangt werden kann, nämlich seinen treuen, gehorsamen und über alles geliebten Sohn Isaak zu töten (vgl. 1 Mo 22).

In der Geschichte von Mose begegnen wir immer wieder einem Gott, der mit der Lehre Jesu nicht das Geringste gemein hat. Dieser Gott offenbart häufig seinen Zorn, der von Moses beschwichtigt werden muss. Immer wieder scheint er gera dezu Freude daran zu haben, die Feinde der Israeliten zu demütigen und zu töten (vgl. z.B. 2 Mo 15,1-16). Als „eifersüchtiger Gott“ (vgl. z.B. 2 Mo 20,5) ordnet er mitunter sogar die Ermordung von Angehörigen seines eigenen Volkes an: „Jeder gürte sein Schwert um die Hüfte! Geht im Lager hin und her und tötet auch den eigenen Bruder, Freund und Anverwandten!“ (Vgl. 2 Mo, 32,19-28) Es scheint unmöglich, in diesem Gott denselben zu sehen, der durch Jesus Christus das Gebot der Feindesliebe verkündet.

Den richtigen Schlüssel verwenden

Antwort: Zunächst ergibt sich aus den zwei eingangs genannten Grundsätzen ein dritter Punkt: 3. Die heiligen Schriften sind als Zeugnisse göttlicher Offenbarungen nur von Menschen zu verstehen, die selbst göttliche Offenbarungen haben (vgl. VISIONEN, Oktober 2007 ).

Wer die Bücher Moses’ vor diesem Hintergrund liest, wird unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass Gott unmöglich zwischen Freund und Feind unterscheidet, dass er unmöglich zum Mord anstiftet und dass er unmöglich nur ein einziges Volk als das Seine anerkennt und für dieses Volk andere Völker tötet. Ein spirituell erfahrener Leser wird vielmehr unschwer die im Text enthaltenen eindeutigen Hinweise auf die göttlichen Offenbarungen erkennen, die mit den in allen anderen heiligen Schriften beschriebenen Offenbarungen überein stimmen: Gott offenbart sich seinem Volk – das heißt wörtlich denen, die ihm nachfolgen – zum Beispiel im spirituellen Licht

des Feuers, das in den Veden als agni bezeichnet wird. Oder er offenbart sich in der „Wolke“, einer Form des inneren göttlichen Lichts, das in den Veden genauso präzise als shayawa beschrieben wird: „Die Wolke verhüllte den Berg. Den Augen der Israeliten stellte sich die Herrlichkeit Jahwes dar wie ein verzehrendes Feuer auf dem Gipfel des Berges“ (2 Mo 24,15-17). Er offenbart sich auch im Donner, also in einer Form des göttlichen Klangs, die in den Veden vollkommen identisch ghosha genannt wird: „Mose redete, und Gott antwortete ihm im Donner“ (2 Mo 19,19).

Zahlreiche weitere Offenbarungsformen in den Büchern Moses’ weisen eindeutig darauf hin, dass Gott sich Moses in inneren Offenbarungen mitteilte. Daraus ist der Schluss zu ziehen, dass dort, wo von Frevlern oder Feinden des Gottesvolkes die Rede ist, keine Menschen gemeint sein können, denn für Gott gibt es auf der ganzen Welt keinen einzigen Feind. Die ganze Menschheit hat ihren Ursprung in Gott, und so sind alle Menschen seine Söhne und Töchter, die ihm wie jedem Vater alle gleichermaßen lieb sind.

Die angeblichen Feinde sind die inneren Feinde des Menschen, die ihn von Gott fern halten – Instinkte wie sinnliche Freuden, die Bindung an Vergängliches, Ärger, Gier und Stolz. Diese Feinde vernichtet Gott durch seine Offenbarungen. Ganz ähnlich finden wir im Hinduismus die Erzählung vom Deva Asur Sangram – vom Kampf zwischen Gott und den Dämonen. Auch hier geht es nicht etwa um einen echten Kampf mit Blutvergießen, sondern um den ewigen Kampf zwischen Gott, der die Seele zu sich führt, und den negativen Neigungen im menschlichen Gemüt. Diese Analogien lassen sich endlos fortführen.

Eine besondere Bildersprache

Und wenn Gott Moses und den Israeliten ein Land verheißt, „wo Milch und Honig fließt“ (vgl. 2 Mo 3,8), und sie schließlich zur Herrschaft über die ses Land führt, indem er dessen ursprüngliche Einwohner vernichtet, so bedeutet dies: Gott führt die Seele in der Meditation zu jener Schwelle im Körper, die oberhalb der Sinne am Dritten Auge liegt. In der Bibel wird sie „Pforte des Himmels“ (1 Mo 28,17), „enge Pforte“ (Mt 7,13) oder „Himmelstür“ (vgl. Off 4,1) genannt. Dort „trinkt“ die Seele den Strom der verschiedenen beseligenden Offenbarungsformen des göttlichen Wortes, der in den Veden als berauschender soma-Strom bekannt ist: „Die Edlen Israels durften Gott schauen. Und sie aßen und tranken“ (vgl. 2 Mo 24,11). Diese Offenbarungsformen werden bildlich wegen ihrer „süßen“ und zugleich den Geist nährenden Eigenschaften mit Milch und Honig verglichen. Mit diesem Strom tilgt Gott die Feinde der Seele aus diesem „Land“ – die weltlichen Neigungen, die unser Bewusstsein „bewohnen“ und besetzt halten.

Unseligerweise wurde diese zentrale Aussage der Thora in der Geschichte der jüdischen Religion so ausgelegt, als habe Gott dem Volk der Juden für alle Zeiten die Herr schaft über einen bestimmten Landstrich gewährt und ihnen das Recht verliehen, dessen ursprüngliche Einwohner daraus zu vertreiben oder auszurotten – eine Auffassung, die bis in die heutige israelische Politik hinein fortwirkt. Dieselbe Bildlichkeit finden wir analog in den Veden, wo es heißt: „Der Gottmensch (bzw. Gottessohn oder Prophet) befreit die Kühe (Sanskrit: go) aus dem Gefängnis (Sanskrit: panini).“ Nichts anderes meint Jesus, wenn er seinen Jungem verspricht, er werde ihnen im Hause seines Vaters eine Wohnung bereiten (vgl. Jh 14,2).

Symbolische Ausdrucksweisen

Was Abrahams Geschichte betrifft, so ist sie eine symbolische Ausdrucksweise dafür, dass jemand, der sein Leben vollkommen Gott unterstellen will, zuerst seine inneren Bindungen lösen muss. Er muss Gott über alles lieben, auch mehr als das ihm Liebste auf der Welt – so wie mein Meister immer wieder zu dem Grundsatz mahnte: „Zuerst kommt Gott, und dann die Welt“.

Bezeichnenderweise soll Abraham seinen Sohn auf dem „Altar auf dem Berge“ opfern. Der „Berg“ steht in der Bibel und in anderen heiligen Schriften immer wieder für die Stelle im menschlichen Körper, die oberhalb der Sinne am Dritten Auge den Geist nach innen führt. Der Altar oder „Tabernakel“ bezeichnet die Entrücktheit in der Meditation, in der das Bewusstsein nur dann Gottes Offenbarungen in sich aufnehmen kann, wenn es alle Gedanken an weltliche Bindungen hinter sich lässt: „Sende aus dein Licht, dass es mich zu deinem heiligen Berg leite und ich hintrete zu Gottes Altar“ (vgl. Ps 43,3-4).

Ganz ähnlich sprach Jesus: „Glaubet nicht, ich sei gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater, und die Tochter mit ihrer Mutter, und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und die Feinde des Menschen werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert“ (vgl. Mt 10,34-38). Natürlich will Jesus ebensowenig Zwietracht zwischen Hausgenossen und Familienmitgliedern stiften, wie Gott Abraham zur Ermordung seines eigenen Sohnes auffordert. In beiden Fällen verlangt Gott von denen, die nach der höchsten Stufe der Gotterkenntnis streben, lediglich die vollkommene innere Loslösung von allen weltlichen Bindungen.

Übergreifende Gemeinsamkeiten

Die hier nur beispielhaft angeführte Gemeinsamkeit in den Aussagen der Offenbarungsschriften ist jedoch nur von Menschen zu erkennen, die alle denselben Schlüssel zur Auslegung dieser Offenbarungsschriften besitzen: den eigenen Zugang nach innen. Gott selbst also ist der Schlüssel zur Auslegung der Offenbarungen, die er zu früheren Zeiten anderen Menschen gewährte.

Auf der Verstandesebene werden wir tatsächlich nur zu unüberbrückbaren Gegensätzen gelangen, wenn wir uns mit den scheinbaren Unterschieden in unseren Schriften und Religionen auseinandersetzen. Wenden wir uns diesen schwierigen Textstellen aber auf der Basis eigener innerer Offenbarungen zu, enthüllen sie uns ihren ursprünglichen, durch falsche Überlieferung, Übersetzung und Auslegung verdeckten Sinn.

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