„Erst sehen, dann glauben“

„Erst sehen, dann glauben“

Gott selbst in sich erfahren

„Alle sagen: Gott ist Licht. Um das sagen zu können, muss man es selbst gesehen haben. Das hat nichts mit bloßem Glauben zu tun. Glaube ist die Wurzel aller Religionen. Aber wie entsteht er? Nicht durch Gefühle oder Bücherwissen, sondern durch konkrete innere Anschauung. Der Löffel mag im Honig stecken, aber schmeckt er deshalb etwas davon? Darum seht zuerst und sprecht dann.“

Bücher- und Erfahrungswissen

Die Meister haben Gott gesehen und dann das eine oder andere darüber ge­sagt. Leider wissen wir die Bedeutung ihrer Worte nicht wirklich zu schätzen. Daher rate ich euch, ihren Worten so lange nicht zu glauben, bis ihr Gott selbst seht. Der große Unterschied zwischen einem Heiligen und anderen Menschen besteht darin, dass diese bestenfalls einen langen Vortrag über Philosophie halten können, aber niemals Gott gesehen haben. Buchwissen gleicht jedoch einer undurchdringlichen Wildnis. Solange ihr Gott nicht selbst seht, werdet ihr nicht einmal die Worte der Meister richtig verstehen.

Alle sagen zum Beispiel: „Gott ist Licht“ – niemand behauptet das Gegenteil. Auch Menschen, die es nicht gesehen haben, beteuern, Gott sei Licht. Aber das ist nur leeres Gerede. Um so etwas sagen zu können, muss man es erst selbst gesehen haben. Sonst täuscht man nur sich selbst, Gott in sich und seine Mitmenschen. Nur Mei­ster können mit Autorität sagen: „Es gibt Gott.“ Andere kommen aufgrund von Schlussfolgerungen und Gefühlen zu einer solchen Aussage, die alle dem Irrtum unterliegen.

Die Meister sprechen darüber, dass sie Gott gesehen haben. Und wo? „In diesem menschlichen Körper, in dem das ganze Univer­sum zu finden ist.“ Warum können wir ihn dann nicht se­hen? Diese Frage stellt sich von ganz allein. Die Mei­ster sagen, dass sie Gott im Tempel des menschlichen Kör­pers begegnet sind. Wenn Gott darin zu finden ist, wa­rum können wir ihn dann nicht sehen? Wenn darin Licht ist, warum sollte es dann nicht auch uns möglich sein, dieses Licht zu sehen?

Weil uns das Gemüt im Weg steht. Ihr mögt die Schriften auswendig gelernt haben, euer Kopf mag ganz voll davon sein, aber was habt ihr davon? Der Löffel mag im Honig stecken, aber schmeckt er des­halb etwas davon? Wenn die Menschen die Biographien von Heiligen lesen würden, könnten sie daraus mehr ler­nen als aus allen anderen Büchern. Jeder Heilige hat seine eigene unverwechselbare Schönheit und Größe, aber es gibt einige grundlegende Dinge, die sich bei allen wie ein roter Faden durchs Leben ziehen.

Nach innen gehen

Das Wichtigste ist, dass ihr den menschlichen Körper erhalten habt. Was ist das Höchste, das ihr darin vollbringen könnt? Gott zu erkennen, ihn zu sehen. Ein Heiliger wurde einmal gefragt: „Mit welchen Augen siehst du Gott?“ Er antwortete: „Nicht mit den Augen aus Fleisch und Blut, sondern mit dem inneren Auge.“ In der Bibel steht geschrieben: „Wenn dein Auge einfältig ist, wird dein ganzer Leib licht sein.“ Dies ist der Kern aller Lehren.

Blinder Glaube hilft nur bis zu einem gewissen Grad. Wenn alles nach unseren Wünschen geht, sind wir mit Gott zufrieden. Aber wehe, wenn wir in Schwierigkeiten kommen und niemand uns hilft!

Habt ihr Gott mit dem inneren Auge gesehen? Dann ist es gut. Vermehrt eure Erfahrung, bis ihr euch selbst vergesst. Der Weg dorthin führt nur über die Liebe. Durch Liebe entwickelt sich Empfänglichkeit. Vertieft euch so sehr in das Überselbst, dass ihr euch dabei selbst vergesst. In diesem Sinne sagte der heilige Paulus: „Ich bin es, doch nun nicht ich, son­dern Christus lebt in mir.“ Darauf kommt es an. Wenn ihr von Liebe ganz durchdrungen seid und euer anderes, gewöhnliches Selbst vergesst, erhebt ihr euch zu einem wahren Selbst und werdet damit eins.

Sehen steht also über allem. Gott ist ganz allein. Darum müsst auch ihr ganz allein zu ihm gehen, ohne euer Ich und all die Dinge, die damit zusammenhängen. Er wartet schon auf euch. Meditation bedeutet nichts anderes, als mit Gott allein zu sein – so einfach ist das. Aber die Men­schen haben diese Dinge mit ihrem Verstand bis zur Un­kenntlichkeit verkompliziert. Wenn ihr ganz allein zu Gott gehen wollt, dann zieht euch von außen zurück, indem ihr eure Aufmerksamkeit am dritten Auge sammelt.

Von außen loslassen

Doch wie wollt ihr zu ihm gehen, wenn ihr ganz von welt­lichen Attraktionen gefangen genommen seid? Selbst wenn ihr wie ein Blinder vor ihm sitzt, werdet ihr etwas von ihm wollen: „Gib mir dies, gewähre mir jenes“ – alles Dinge aus dieser oder der anderen Welt. Ein Heiliger betete: „O Gott, ich erbitte das Geschenk von Dir, Dich um nichts zu bitten. Tu einfach, was das Beste für mich ist.“ Das ist ein vollkommenes Gebet. Manchmal wird un­ser Gebet erhört und später bereuen wir es dann. Daher wäre es das Beste zu beten: „O Meister, o Gott, gewähre uns, was Du für richtig hältst. Uns bleibt nur der Wunsch, zu Dir zurückzukehren.“

Wer in zahllose äußere Dinge verwickelt ist und hundert Eisen im Feuer hat, kann gar nicht daran denken, nach innen zu gehen – er wird es einfach nicht schaffen, sich von den äußeren Dingen zu lösen. Wie man sein Bewusstsein von außen zurückzieht, ist also das erste Problem. Wir er­freuen uns an weltlichen Attraktionen und sind nicht imstande, davon loszukommen, solange wir keine größere Wonne im Innern erfahren. Ein Kind, das ganz und gar in seine Spielsachen vertieft ist, wird sie nicht hergeben wollen, es sei denn, man gibt ihm statt dessen etwas noch Interessanteres.

Darum heißt es: Gott hilft denen, die sich selbst nicht helfen können. Zwar hilft er auch denen, die sich selbst helfen, aber erst dann, wenn sie sich vor lauter An­strengung selbst vergessen und schließlich nicht mehr weiter wissen – erst dann, eher nicht. Welcher von beiden Wegen ist wohl der leichtere? Darum helft euch nicht selbst, vertraut nicht auf eure eigene Kraft. Dann werdet ihr sehen, wie gut ihr voran kommt. Zieht euch einfach nur zurück und erhebt euch zu eurem wahren Selbst.

Glauben allein genügt nicht

Das hat nichts mit bloßem Glauben zu tun. Glaube hält nur so lange an, wie alles nach euren Wünschen verläuft. Und falls nicht, was dann? Glaube ist die Wur­zel aller Religionen, das ist wahr. Aber wie entsteht er? Darum geht es. Entweder als karmische Rückwirkung aus der Vergangenheit – oder wenn man etwas Greifbares vor Augen hat. Blinder Glaube hilft euch nur bis zu einem gewissen Ausmaß. Verläuft alles nach eurem Willen und Wohlgefallen, seid ihr mit Gott zufrieden. Aber wehe, wenn ihr in Schwierigkeiten geratet und niemand euch hilft! Dann heißt es: „Ach, wo ist Gott?“

Predigten erreichen unser Innerstes nur, wenn sie von Menschen gehalten werden, die aus vol­lem Herzen über das sprechen, was sie sehen. Gedanken, die von der Verstandesebene herrühren und lediglich die Zunge bewegen, bringen nur leere Worte hervor. Man findet sie in allen möglichen Ansprachen, Vorträgen und Büchern. Sie haben nur wenig oder gar keine Wirkung und werden von der Ebene des – wenn ich das so sagen darf – Bauches aus ge­halten. Wie können sie helfen? Seht zuerst und sprecht dann – darauf kommt es an.

Lasst also alle Philosophien beiseite. Wisst ihr, was das Wort Philosophie bedeutet? Liebe zu Gott. Philosophie leitet sich ab von dem Wort philosophia – Liebe zur Weisheit bzw. zu Gott, und ein Philosoph ist jemand, der Gott liebt. Heute verbinden wir eine andere Vorstel­lung mit diesem Wort. Wir dringen nicht bis zur Wurzel der Wörter vor, die wir verwenden. Alle sollten daher Philoso­phen sein. Heutzutage verbinden wir mit dem Wort Philosophie die Vorstellung von intellektuellem Ringen und Schlussfolgern, sonst nichts.

Die Aufmerksamkeit „verpflanzen“

Letztlich geht es nur darum, eure Aufmerksamkeit zu verlagern, und zwar von dieser in die andere Welt. Zieht eure Aufmerksamkeit von außen zurück und lenkt sie nach innen, dann werdet ihr Gott sehen. Er ist die kontrol­lierende Kraft in euch. Ihr und er wohnen in ein und demselben menschlichen Körper. Wollt ihr ihn sehen? Dann lenkt eure ganze Aufmerksamkeit dorthin, wo er ist – das ist alles. Das ist ganz einfach und wird doch auf so viele unterschiedliche Arten erklärt.

Die einzige Schwierigkeit ist, dass wir Gott nicht wirklich sehen wollen. Macht euch nichts vor! Wenn ihr ihn unbedingt sehen wollt, ist euch die Erfüllung dieses brennenden Wunsches gewiss. Er wartet schon auf euch, aber ihr seid noch im Äußeren verstrickt. Ihr braucht die Welt nicht zu verlassen – zahlt einfach eure Schulden ab und kommt dann bitte nach Hause zurück.

Jeder muss sich entscheiden, was er will. Wir aber lassen uns treiben. Manchmal wollen wir Gott, dann wieder die Welt. Entscheidet also zuerst, was ihr tun wollt. Ihr müsst ein Ziel vor Augen haben und dann dafür arbeiten. Das mag nur ein einziger Schritt sein, den ihr getan habt, doch er wird euch eurem Ziel näher bringen. Einmal wie ein Hase zu rennen, dann wieder einzuschlafen und sich schließlich einem anderen Weg zuzuwenden, bringt nichts ein. Da geht man besser regelmäßig vorwärts wie eine Schildkrö­te, Schritt für Schritt, Tag für Tag, ohne zurückzuschauen.

Ihr seid schon auf dem Weg. Gott wartet bereits auf euch, auf jeden einzelnen von euch. Er wartet auch auf mich – ich möchte so gerne nach Hause zurück. Aber ich muss erst meine Aufgabe zu Ende bringen; bis dahin bin ich noch in dieser Welt und diesem Körper gefangen.

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