Gibt es einen Meister-Knigge?

Gibt es einen Meister-Knigge?

Schüler-Fragen, meisterhaft geklärt

Gibt es eine Art Hof-Protokoll, das man in Gegenwart eines Meisters beachten muss? „Kommt, wie ihr seid, auch mit Kritik. Das spielt keine Rolle. Hauptsache, ihr seid echte Wahrheitssucher.“

VORGESTELLT.

Sant Kirpal Singh, der hier auf Fragen seiner Schüler eingeht, wirkte von 1948 bis 1974 als spiritueller Meister des inneren Lichts und Klangs. Als Vorsitzender der interreligiösen „Weltgemeinschaft der Religionen“ erwarb er sich im Osten wie im Westen große Sympathie.

SCHÜLER: Wie soll man sich in Gegenwart eines Meisters verhalten?

MEISTER: Das hängt vom Entwicklungsstand des Einzelnen ab. Man kann ihm zum Beispiel eine Frage stellen und hören, was er darauf zu sagen hat. Aber auch wenn man sämtliche Fragen beiseite lässt und ihm nur ganz offen zuhört, bekommt man Antwort auf alle seine Fragen. Ich habe meinem Meister in meinem ganzen Leben nur eine einzige Frage gestellt. Und doch habe ich alles von ihm gelernt: ich vertiefte mich einfach in seine Augen und hörte auf seine Worte.

Dieses Los ist freilich nicht jedem beschieden. Wer gerade auf die Verstandes-Ebene gelangt ist, muss zuerst alle Gründe und Zusammenhänge verstehen. Also sollte er auf jeden Fall alle Fragen stellen, die er auf dem Herzen hat, und sie klären lassen. Er wird den praktischen Pfad erst aufnehmen können, wenn sein Verstand zufrieden ist und genügend Beweismaterial gesammelt hat.

Wenn man dagegen zu einem einfachen, ungebildeten Menschen sagt: „Setz dich gerade hin, konzentriere dich aufs Dritte Auge, wiederhole dabei die heiligen Namen, bis du Licht im Innern siehst“, dann tut er es einfach und sieht das Licht. Verstandesmenschen wollen vorher wissen: „Was passiert jetzt mit mir, und was kann mir dabei passieren?“

Solche Menschen brauchen erst für alles und jedes eine Erklärung, zum Beispiel in Form von Belegen verschiedener Meister, bis ihnen die Sache einleuchtend genug erscheint und sie sich trauen, selbst den Fuß auf den Weg der Erkenntnis zu setzen. Doch wirklich zufrieden können sie auch erst sein, wenn sie mit eigenen Augen sehen, was Sache ist.

Manche von uns sind aber verunsichert und fragen sich, ob sie sich in Gegenwart des Meisters richtig benehmen oder womöglich gegen irgendwelche Anstandsregeln verstoßen.

Kommt, wie ihr seid. Das spielt keine Rolle. Wenn ihr wirklich nach der Wahrheit sucht, wird er eure Fragen bereitwillig beantworten, auch wenn es noch so viele sind. Er wird sie euch liebevoll erklären. Ihr könnt ihm sogar mit kritischen Fragen kommen. Auch darauf wird er euch ganz liebevoll Rede und Antwort stehen. Wer die Antworten verstanden hat, wird seine Einstellung ändern. Die Menschen kommen hierher und stellen jede Menge Fragen – und dann wird ihnen die Antwort klar. Denn das wenigste Wissen wird durch Worte gelehrt – nur ungefähr ein Drittel. Das meiste teilt sich durch die Ausstrahlung und durch die Augen mit. Die Augen sind die Fenster der Seele. Wer einem Meister gegenüber sitzt, blickt in seine Seele. Dieser Einfluss schlägt also auch zu Buche.

Was ich meine, ist: Muss man einem Meister begegnen wie einem Kaiser?

Betrachtet ihn als älteren Bruder, als Vater oder Freund. Nehmt den Sinn seiner Worte auf. Wenn ihr dann bei der Einweisung in die spirituelle Praxis eine konkrete Anfangs-Erfahrung bekommt, die ihr selbst bezeugen könnt – wenn ihr also selber seht: „Ja, es ist so, wie er sagt“, dann macht euch auf den inneren Weg und fahrt nach seinen Anweisungen damit fort.

Der beste Prüfstein ist ein Meister, der euch gleich zu Beginn eine Anfangs-Erfahrung gibt, eine Art Grundkapital, auf dem ihr aufbauen könnt. Dieses Startkapital besteht darin, dass ihr euch eine Zeitlang über das Körperbewusstsein erhebt und dort innere Offenbarungen empfangt. Wenn euch das jemand geben kann, könnt ihr mit Fug und Recht von ihm sagen: „Er hat zumindest eine Ahnung von dem, was im Jenseits ist.“

Wie groß der Meister wirklich ist, lässt sich zu diesem Zeitpunkt gar nicht ermessen. Je mehr man ihn erkennt, desto mehr wird man ihm gleich, bis man genauso ist wie er. Als ich noch ganz frisch bei meinem Meister war, wurde ich einmal gefragt: „Was hat dein Meister denn zu bieten? Ist er wirklich einer der ganz Großen?“ Ich sagte nur: „Das weiß ich nicht. Aber eines weiß ich gewiss: Er hat weit mehr zu geben, als ich brauche.“ Diese Antwort kam vom Grunde meines Herzens. Einen Guru oder Meister zu erkennen heißt, so zu werden wie er – beziehungsweise wie Gott in ihm, der sich durch ihn zum Ausdruck bringt. Nur auf diese Weise kann man ihn erkennen. Aber es gibt nur ganz wenige, die ihn wirklich kennen. Und auch sie kennen nur soviel von ihm, wie er ihnen in seiner Gnade von sich zu erkennen gibt.

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