HANDELN AUS EINSICHT

HANDELN AUS EINSICHT

Pyar Troll spricht im Interview mit VISIONEN über die Lehre Jesu

Gut sechs Jahre ist sie nun schon in Deutschland, der Schweiz und Österreich unterwegs, um in ihren Satsangs und Retreats Menschen aller Altersgruppen und spiritueller Ausrichtung zur Erkenntnis ihrer eigenen wahren Natur anzuregen. Hunderte zählen mittlerweile zu ihrem engagierten Schülerkreis. Pyar wirkt sehr bodenständig und liebevoll, offen für alle Probleme, auf die sie mit Humor und Weisheit eingeht. In ihrem neuesten Buch geht es um Jesus als „radikalen Weisheitslehrer“.

Pyar, dein neuestes Buch bezieht sich auf Jesus. Was ist seine Botschaft an uns?

Jesu Botschaft ist wie die Botschaft aller Buddhas oder Weisheitslehrer zeitlos und einfach. Er fordert uns auf, in Liebe zu uns und anderen zu sein und in Hingabe und Gebet gegenüber dem Göttlichen. Er nennt uns eingeborene Söhne und Töchter Gottes. Ganz wesentlich weist er in seiner radikalen und liebevollen Art wieder und wieder darauf hin, wie notwendig es ist, über das Gesetz hinauszugehen in allen Aspekten unseres menschlichen Seins. Dieses Hinausgehen über das Gesetz ist kein Leugnen des Gesetzes und kein Zurückgehen in eine beliebige oder gesetzlose Haltung, sondern ist vielmehr Transformation hinein ins Höhere, ist die Herausforderung, unser Potential voll zu entwickeln. Diese Herausforderung Jesu zur Transformation ist wesentlicher Inhalt meines neuen Buches. Ich kann die Thematik hier natürlich nur andeuten.

Siehst du Verzerrungen oder Verfälschungen seiner Lehre durch die Kirche?

Ja. Mir geht es an einigen Stellen so, dass ich in der Botschaft der Kirche Jesus nicht hören kann. Insbesondere in ihrem Ausschließlichkeitsanspruch.

Deine letzten beiden Bücher waren eher buddhistisch orientiert. Gibt es eine innere Verbindung zwischen Buddha und Jesus?

Beide weisen auf ihre Art auf dieselbe Wahrheit und Liebe hin und leben diese. Beide lehren ihre Schüler. Natürlich ist die individuelle Art Buddhas ganz anders als die von Jesus. Und ganz wesentlich ist, dass beide, genau wie jeder Meister, auf eine Art lehren, die von den jeweiligen Schülern verstanden werden kann. So unterscheiden sich die Bilder, die Methoden, die Ansätze, je nach kulturellem Hintergrund und je nach Hörvermögen der Schüler. Die Wahrheit bleibt dieselbe.

Was hältst du von der „Sakrileg“-These, dass Jesus mit Maria Magdalena eine Art „Dynastie“ (von König Salomon hergeleitet) begründen wollte?

Ich habe mich mit diesem Thema nicht beschäftigt (außer durch die Lektüre des Romans „Sakrileg“). Für mich hat das keine so große Bedeutung. Und es ist historisch wohl nicht nachweisbar.

Die kirchliche Tradition predigt, dass Jesus „stellvertretend“ für uns gestorben ist. Was bedeutet das?

Dass ich nicht sterben muss, wenn ich an Jesus glaube? Doch, natürlich musst du sterben. Auch die Kreuzigung ist ein zentrales Thema des Buches. Einen Aspekt, den ich sehr wesentlich finde, möchte ich herausgreifen. Jesus zeigt in seinem Leben und vor allem in seinem Sterben ein großes Mysterium: Er zeigt, dass die Liebe siegen kann, selbst inmitten von Hass; er zeigt, dass es Sieg geben kann inmitten von äußerer Niederlage; er zeigt, dass Hingabe an das Göttliche möglich ist selbst in einer Erfahrung äußerster Verlassenheit. Und er spricht nicht nur davon, sondern zeigt es in seinem Sterben. Allein das ist eine große Tat der Erlösung, vor der ich immer wieder in großem Staunen und Ehrfurcht stehe.

Was hältst du von der christlichen Lehre der „leiblichen Auferstehung“?

Damit kann ich nicht viel anfangen.

Im Neuen Testament wird auch von der Versuchung Jesu durch den Satan berichtet. Kannst du dazu etwas (aus eigener Erfahrung) sagen?

Oh ja. Jesus erfuhr am Jordan tiefe letztendliche Einsicht und Verwirklichung. Er bleibt dabei jedoch nicht stehen, sondern geht in die Wüste, um zu beten und zu fasten. Er weiß, dass Reinigung notwendig ist; er weiß, dass es notwendig ist, noch verbliebene Anhaftung – welcher Art auch immer – zu lösen. Am Ende dieses Rückzugs taucht Satan auf, um ihn zu prüfen. Die Versuchungen in der Wüste zielen sehr geschickt und stark auf ein spirituelles Ego. Zum Beispiel: Wenn du Gottes Sohn bist, dann zeig es mir, in dem du diesen Stein in Brot verwandelst! Jesus könnte denken, dass es ein Segen wäre, dieser Aufforderung zu folgen, da er vielleicht den Teufel dadurch überzeugen könnte. Er könnte denken: „Oh ja, welch gute Gelegenheit, so komm ich zu etwas Brot und tu gleichzeitig was Gutes.“ Er könnte auch denken: „Ja, wow, ich bin ja Gottes Sohn und kann jetzt solche Dinge tun“ und sich darin sonnen. Er fällt jedoch nicht auf diese Versuchung herein, sondern antwortet so schön und auf das Wesentliche zielend: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort Gottes.“

Die nächste Versuchung zielt auf eventuelle Machtgelüste. Satan verspricht Jesus alle Reiche der Welt. Im Gegenzug verlangt er, dass Jesus ihn anbetet. Und wieder widersteht Jesus und sagt: „Du sollst Gott den Herrn anbeten und ihm allein dienen.“ Er zeigt damit, dass er in seiner Hingabe und Ausrichtung vollständig und gegründet ist. Er weiß, was den ersten Platz in seinem Leben einnimmt, und weicht nicht davon ab. Der letzte Angriff Satans ist besonders raffiniert. Er zielt auf spirituelle Konzepte. Er sagt: Wenn du Gott vertraust, dann wirf dich doch von dieser Klippe, Gott wird dich retten. Und auch darauf fällt Jesus nicht herein.

Ja, ich kenne diese Angriffe und die Notwendigkeit zur Treue und die Notwendigkeit zu widerstehen. Diese Notwendigkeit lässt nie nach.

Dein neues Projekt heißt „Handeln aus Einsicht“. Es gibt dazu im Internet die Adresse: www.bodhitree.net. Kannst du das erläutern? Buddha scheint darin offensichtlich eine Rolle zu spielen. Jesus auch?

Ich will mit diesem Projekt Mut machen – genau in dieser Zeit, in der wir leben mit den ihr eigenen Problemen, Krisen und Möglichkeiten. Mein Anliegen dabei ist Spiritualität, Meditation, Einsicht, Stille zu verbinden mit sozialem, politischem und ökologischem Engagement und mit Feiern und gutem Zusammensein. Wesentlich dabei ist, dass Handeln aus Einsicht geschieht und wiederum zu tieferer Einsicht führt. Wesentlich ist, dass wir alle Aspekte des Geistes und des Menschseins respektieren – für uns selbst, für unser Gegenüber, für unsere menschliche Gemeinschaft und das Wohl aller Wesen. Natürlich spielt Buddha da eine Rolle und Jesus auch.

Wir werden als erstes im September ein Festival feiern. Ich hoffe, dass sehr viele Menschen kommen werden, um gemeinsam einige Themen zu besprechen, eventuelle einfache Projekte anzugehen (wie Nachbarschaftshilfe, Fragen eines guten Zusammenlebens etc.) und miteinander zu sprechen, still zu sein und zu feiern.

Die Fragen stellte Christian Salvesen

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