Ihr seid in der glücklichen Lage, den menschlichen Körper erhalten zu haben, den höchsten in der ganzen Schöpfung, der Gott am nächsten steht. Das höchste Ziel des menschlichen Lebens ist es, sich selbst und Gott zu erkennen. Das letzte Ziel allen Wissens ist das Wissen vom Selbst. Darauf beziehen sich die Upanischaden, wenn sie fragen: „Welcher Art ist das Wissen, durch das man alles andere erkennt?“ Gott ist bereits in euch. Wer wirklich das Verlangen hat, nach diesem Ideal zu suchen, dem gibt er die Möglichkeit, sich dort mit ihm zu verbinden und sich auf den Weg zu ihm zurück zu machen.
Die Erfahrung zeigt, dass es für einen Menschen, der auf diesen Weg gestellt wurde, das Beste ist, die Gebote buchstäblich zu befolgen. Doch bekanntlich scheitert das jedes Mal an unserem Gemüt. Dann fällt uns auch das Meditieren schwer, selbst wenn wir genügend Zeit dafür einsetzen, so dass wir damit nicht weiterkommen. Wir alle wissen um die Störfaktoren, die unser Gemüt beeinträchtigen und unseren spirituellen Weg behindern – trotzdem werde ich sie hier noch einmal aufzählen und besprechen.
Der erste Stolperstein auf dem spirituellen Weg betrifft die negativen Einflüsse, die wir auf subtile Weise von außen aufnehmen. Das beginnt mit der Art und Weise, wie wir unseren Lebensunterhalt bestreiten. Wir sollten finanziell auf eigenen Beinen stehen und von niemandem abhängig sein. Heilige beten: „O Gott, gib mir, dass ich auf eigenen Beinen stehen kann. Wenn ich von anderen abhängig sein muss, ist es besser, Du nimmst mir die Seele aus dem Leib.“ Von anderen Menschen abhängig zu sein, ist ein schweres Vergehen und öffnet allen Arten von negativen Einflüssen Tür und Tor.
Es genügt aber nicht, dass ihr euer Geld selbst verdient – es muss auch ehrlich verdient sein und nicht auf Kosten anderer. Was euer ist, gehört euch, was anderen gehört, ist ihr Eigentum. Verletzt also ihre Rechte nicht. Darauf haben alle Meister hingewiesen. Guru Nanak sagte: „Nur wer sein Geld ehrlich erwirbt und es mit anderen teilt, kann Gott erkennen.“ Alles Geld, das ihr auf unehrliche Weise verdient, wird naturgemäß bewirken, dass sich diese Unehrlichkeit in euch einschleicht und viele negative Gedanken in euch aufkommen lässt. Wenn ihr dagegen euer Geld auf ehrliche Weise verdient, gibt euch das allein schon eine gewisses Maß an Ruhe und Frieden.
Warum spüren wir die subtilen negativen Einflüsse nicht, die von außen auf uns einwirken? Weil wir schon so viel Unrat in uns haben, dass wir gar nicht merken, wenn noch ein paar Pfund mehr dazu kommen. Menschen, die reinen Herzens sind, fühlen schon ein einziges Gramm.
Zweitens hat alles, was wir essen und trinken, seine eigene Wirkung. Wenn ein Hund fleischlos ernährt wird, ist er sehr gutmütig. Wenn er Fleisch und ähnliche Dinge bekommt, wird er heulen und knurren. Wir müssen uns deshalb streng vegetarisch ernähren.
Aber auch dann müssen wir auf die Hände achten, durch die unser Essen geht: darauf, von wem es gekocht und serviert wird. Nahrung nimmt nämlich auch die Einflüsse der Person auf, die sie zubereitet und auf den Tisch bringt, und diese wirken sich dann auch auf denjenigen aus, der davon isst. Früher ließ eine Mutter niemanden in die Küche, wenn sie das Essen zubereitete – niemand hatte dort Zugang. Wenn ihr euer Brot auf ehrliche Weise verdient und die Menschen, die euer Essen zubereiten, währenddessen in die liebevolle Erinnerung an Gott vertieft sind und sich nur reinen Gedanken hingeben – dann verleihen euch diese Mahlzeiten eine spürbare innere Ruhe.
Zu der Zeit, als ich Zahlmeister bei einem Feldregiment war, wurde mir ein Bursche zugeteilt, der mir mein Essen kochen sollte. Also sagte ich zu ihm: „Hör zu: Solange du in der Küche bist, solltest du eine heilige Schrift rezitieren oder in liebevolle Andacht an Gott versunken sein. Kein anderer Gedanke sollte in deinem Gemüt aufkommen.“ Er willigte ein: „In Ordnung.“ Nun, drei Tage lang gehorchte er. Am vierten Tag saß ich gegen zwölf oder ein Uhr nachts in Meditation – doch irgendetwas stimmte nicht mit meinem Gemüt. Also rief ich diesen Mann herbei – um ein Uhr nachts: „Nun sag schon, wer war heute bei dir in der Küche?“ Er widersprach: „Es war niemand da.“ „Lüg mich nicht an!“ Da gab er zu: „Ja, es stimmt, es war jemand da und wir haben uns über alles Mögliche unterhalten.“
Warum spüren wir solche Dinge nicht? Weil wir schon so viel Unrat in uns angesammelt haben, dass wir gar nicht merken, wenn noch ein paar mehr dazu kommen. Aber Menschen, die reinen Herzens sind, werden schon von Kleinigkeiten berührt; schon ein einziges Gramm wirkt sich auf sie aus.
Drittens hat jeder Gedanke eine besondere Wirkung, eine eigene Farbe und einen eigenen Geruch, die sich anderen durch Ausstrahlung mitteilen. Wenn ein übel riechender schmutziger Lappen in einem Zimmer liegt, verbreitet sich sein Geruch im ganzen Raum. Stellt man Blumen ins Zimmer, dann erfüllen sie es mit ihrem Duft, oder nicht?
Seid also wachsam, denn Gedanken sind sehr mächtig. Und achtet darauf, eure Sinne rein zu halten, denn durch sie gelangt der ganze Unrat zu uns herein.
Da ist zuerst die Reinheit der Augen: betrachtet andere nicht mit Feindseligkeit oder nagendem Groll im Herzen oder mit dem Gedanken, dass sie schlechte Menschen sind.
Und was die Ohren betrifft: hört euch nichts Schlechtes über andere an – denn sobald auch nur ein leises Misstrauen in euch aufsteigt, bekommt ihr schon Bedenken und beginnt an dem Betreffenden zu zweifeln. Dabei kann er völlig in Ordnung sein. Glaubt deshalb nichts, was euch irgend jemand erzählt („Ich habe das gehört und jenes gesehen“), wenn ihr es nicht mit eigenen Ohren gehört und mit eigenen Augen gesehen habt.
Achtet auch auf die Reinheit der Zunge: sonst verlangt es euch nach allem, was sich nicht mit einer spirituellen Ernährungsweise verträgt. Ihr denkt: „Das schmeckt aber gut“, und dann bekommt es euch nicht.
Also ist Reinheit aller Sinne erforderlich – der Augen und Ohren, aber auch der Zunge und der Haut. Durch solche Kleinigkeiten lassen wir uns von anderen infizieren. Das ist das Entscheidende.
Wenn ihr dagegen ein reines Leben führt, werden alle Tugenden in euch Wohnung nehmen. Euer Gemüt wird ruhig sein – und jedes Mal, wenn ihr zur Meditation sitzt, werdet ihr auf wunderbare Weise fortschreiten.
Der zweite große Stolperstein auf dem spirituellen Weg betrifft unser Zusammenleben mit anderen. Gott hat allen Menschen die gleichen Rechte gegeben. Wir sind auf dieselbe Weise geboren und äußerlich und innerlich gleich aufgebaut. Und wir sind beseelte Körper. Die Seele ist vom selben Wesen wie Gott – das heißt: Gott wohnt in uns allen. Darum sollten wir für niemanden negative Gefühle hegen. Der eine wartet vielleicht stehend am Tisch, der andere sitzt bequem auf einem Stuhl. Das liegt daran, dass „wir ernten müssen, was wir gesät haben“ (vgl. Gal 6,7). Eine höhere oder untergeordnete Stellung, Reichtum oder Armut – all diese Unterschiede hängen von unseren Karmas ab.
Manch einer hält sich viel auf seine machtvolle Stellung oder seinen hohen Bildungsstand zugute. Das sind auch die Gründe, aus denen wir andere beneiden oder verachten: weil sie mehr oder weniger reich und gebildet sind als wir selbst oder weil sie gesellschaftlich über oder unter uns stehen. Wir meinen dann, dass sie nicht unseresgleichen sind und nicht in unsere Gesellschaft passen. Und diese Gefühle beeinflussen unser Denken negativ.
Das einzige Heilmittel dagegen ist Demut – die Einstellung, dass wir alle gleich sind. Wenn ihr andere hasst, wie wird der Gott, der in euch wohnt, euch dann wohl dort empfangen? Wir sind alle Brüder und Schwestern in Gott. Doch normalerweise sind wir überzeugt, alles viel besser zu wissen als andere. Es sind solche kleinen, unbedeutenden Dinge, die wir im Unterbewusstsein speichern und die unser Gemüt beeinträchtigen. Und das bleibt auf uns nicht ohne Wirkung.
Das zweite Heilmittel gegen Groll- und Hassgefühle lautet: vergebt und vergesst. Ich nenne euch hier Schwierigkeiten aus der Praxis: wenn euch jemand irgendwie Unrecht getan hat, sagt ihr zwar: „Gut, ich vergebe dir“, aber im Herzen habt ihr ihm doch nicht verziehen und lauert weiterhin auf eine Gelegenheit, es ihm heimzuzahlen. Vergebt und vergesst. Wenn ihr immer wieder an die Person denkt, die euch diesen Schaden zugefügt hat, wird euer Streben nach Vergeltung natürlich nicht nachlassen. Streicht den Vorfall restlos aus eurem Gedächtnis. Sonst kommt immer und immer wieder der Gedanke in euch hoch: „Er hat mir dieses angetan, er hat mir jenes angetan“ – auch das vergiftet euer Gemüt und tut euch nicht gut. Wenn ein Kind etwas falsch gemacht hat, vergebt ihr ihm dann nicht auch?
Das dritte Heilmittel ist, Verständnis für andere zu haben. Schließlich sind nicht alle Menschen gleich – jeder handelt nach seiner eigenen Denkweise oder seinem eigenen Entwicklungsstand. Jeder muss von seiner eigenen Stufe aus wirken. Wenn ihr einen Grundschulabgänger und einen Akademiker vor euch habt, könnt ihr auch nicht erwarten, dass beide sich auf gleicher Ebene unterhalten können. Macht also Zugeständnisse und bemüht euch zu verstehen, was euer Gegenüber sagt. Dann versucht, euch ihm höflich verständlich zu machen, aber wenn es dabei zu Unstimmigkeiten kommt, dann vergesst sie einfach.
Das vierte Heilmittel lautet: arbeitet nicht als unbezahlte Lehrlinge der Kriminalpolizei Gottes. „Der ist so, der andere so“ usw. – immerzu äugt ihr darauf, wie sich andere verhalten. Kümmert euch um eure eigenen Angelegenheiten. Gott ist auch noch da. Er wird sich darum kümmern. Wenn ihr einen Freund habt, der sich offensichtlich falsch verhält, könnt ihr ihn unter vier Augen höflich darauf hinweisen: „Du weißt, ich habe dich sehr gern. Aber bitte tu so etwas nicht. Richte dich nicht zugrunde.“ Doch verbreitet seine Fehler nicht wie eine verseuchte Ratte, die überall Krankheitskeime verstreut. Mehr könnt ihr nicht tun. Wenn ein Mensch nicht selbst im tiefsten Herzen fühlt, dass er falsch gehandelt hat, wird er sich bestimmt nicht nach euch richten. Der Mensch folgt dem Diktat seines Gemüts. Nur wenn er selbst davon überzeugt ist, dass das, was er tut, wirklich falsch ist, wird er auf euch hören, sonst nicht.
Denkt und sprecht daher von niemandem Schlechtes, denn „wie ihr denkt, so werdet ihr“. Wenn ihr immerzu denkt: „Das ist wirklich ein schlechter Mensch“, werdet ihr selbst davon angesteckt. Sagt auch nicht: „Was bin ich doch für ein Sünder!“ – sonst werdet ihr, weiß Gott, ein Sünder werden.
Als ich noch zur Schule ging, las ich einmal ein Buch über eine Gruppe von Missionaren, die nach Japan reisten und den Einheimischen das mosaische Gebot predigten: „Schlagt eure Frauen nicht.“ Die Menschen dort führten aber ein ganz unschuldiges Leben. Sie fragten: „Schlägt man denn in eurem Land die Frauen?“ Das Ergebnis war, dass sie nach einem Jahr Predigen selbst anfingen, ihre Frauen zu schlagen.
Ich habe Männer gesehen, führende Persönlichkeiten der Gesellschaft, die in einem fort Abstinenz predigten: „Lasst die Finger vom Alkohol“, aber insgeheim tranken sie selbst. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Sie sagen: „Ihr sollt nicht trinken“, und denken dabei die ganze Zeit über ans Trinken – oder nicht? Auch wenn sie das Wörtchen „nicht“ dazu sagen, enthalten ihre Worte doch die Botschaft „trinken“. Und das bringt andere dann erst auf dumme Gedanken und sie sagen sich: „Mal ausprobieren, wie das so ist.“ Das ist gemeint, wenn es heißt: „Wie ihr denkt, so werdet ihr.“
Also: „Reformer werden gesucht – aber nicht solche, die andere bessern wollen, sondern sich selbst.“ Arbeitet an euch selbst, dann bessern sich durch euer Beispiel auch viele andere um euch herum. Die Leute urteilen nach dem, was sie sehen, nicht nach den Predigten, die ihr von euch gebt. Ein Vorbild ist immer besser als eine Vorschrift.
Das sind die Hindernisse, die unserem Fortschritt auf dem spirituellen Weg entgegen stehen. Es gibt aber auch ein paar hilfreiche Faktoren, die uns auf diesem Weg von Nutzen sind und die man ebenfalls kennen sollte. Darüber nächstes Mal mehr.