Kam Jesus wieder auf die Welt?

Kam Jesus wieder auf die Welt?

Bibel-Rätsel, spirituell gelöst

Jesus sagt seinen Jüngern früh, dass er nicht lange unter ihnen weilen wird: Der „Tröster“ werde „bald“ seine Nachfolge übernehmen. Meint er hier sich selbst in einer neuen Inkarnation? Auch Johannes der Täufer galt vielen schließlich als der wiedergekehrte Elia. Gilt diese Art der Wiederkehr auch für Jesus?

VORGESTELLT.

Der Autor Soami Divyanand lehrt als spiritueller Meister seit über 30 Jahren den Yoga der Seele. Mit dem spirituellen Sprach-Code der heiligen Schriften hat er bereits die vier Veden und wesentliche Teile der Gita, der Bibel und des Korans entschlüsselt – eine grundlegende Voraussetzung für das Verständnis der inneren Einheit der Religionen.

JESUS – DER EINZIGE GOTTESSOHN?

Das Christentum gibt Jesus bekanntlich als einzigen Gottessohn aus. Die Behauptung, der vermeintliche Gründer einer Religion sei die höchste und letztgültige Erlösergestalt für die ganze Welt, zählt zu den konstitutiven Merkmalen aller organisierten Religionen. Sie zielt darauf ab, die Vorrangstellung der eigenen Organisation zu sichern und ihr unanfechtbare Macht über möglichst viele „Schäfchen“ zu geben.

Der Islam erkennt zum Beispiel Jesus als Propheten an, versteht Mohammed aber als das abschließende „Siegel der Propheten“. Während damit nur das Kommen künftiger Propheten ausgeschlossen wird, geht das Christentum noch einen Schritt weiter und stuft auch alle früheren Propheten zu bloßen Vorläufern Jesu herab.

Träfen derlei Behauptungen zu, würde das bedeuten, dass Gott sehr willkürlich mit seiner Gnade verfährt und sie nur denen gewährt, die das Glück haben, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu leben. Genau diese Auffassung haben aber die Propheten und Gottessöhne selbst immer widerlegt. Denn nach ihren eigenen Aussagen verstanden sie sich durchweg als Glieder einer nicht abreißenden Kette von göttlichen Gesandten. So betont auch Jesus ausdrücklich, er sei nicht gekommen, um das göttliche Gesetz und die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen (vgl. Mt 5,17), und wird nicht müde, auf das Zeugnis der Propheten zu verweisen, die ihn in seinem Wirken bestätigen.

„Ich komme bald wieder. Wartet, bis ich meinen neuen Namen schreibe.“ (Johannes-Offenbarung)

„ICH KOMME BALD.“

Ganz in diesem Sinne tat Jesus schon zu seinen Lebzeiten deutlich kund, dass die geistige Tradition, in der er stand, keineswegs mit ihm enden würde. Johannes und den anderen Jüngern offenbarte er: „Ich komme bald“ (Offenbarung 3,11). Seit rund 2000 Jahren warten die Menschen nun vergebens auf seine Wiederkunft. Sind zwei Jahrtausende noch „bald“? Nein, denn an anderer Stelle grenzt Jesus die Wartezeit auf seine Wiederkehr ausdrücklich auf eine Spanne von etlichen Jahren ein: „Unter denen, die hier stehen, sind einige, die den Tod nicht kosten werden, bis sie den Menschensohn mit seinem Reiche kommen sehen“ (Mt 16,28).

Doch hier tut sich ein neues Rätsel auf: Wie ist es zu verstehen, dass Jesus auf der einen Seite seine nahe bevorstehende Wiederkehr ankündigt und auf der anderen Seite verspricht: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt“ (Mt 28,20)? Die Antwort gibt er selbst mit den folgenden Worten: „Ich bin das Licht der Welt, solange ich in der Welt bin“ (vgl. Jh 9,5). Das heißt im Klartext: „Nach meinem Tode werden wieder andere Propheten und Gottessöhne kommen und den Menschen die Verbindung mit den Offenbarungen der Gotteskraft gewähren.“

EIN NEUES „LICHT DER WELT“.

Denn die Gotteskraft stirbt nie und bleibt immer bei der Seele, die sich mit ihr verbunden hat, nicht aber der jeweilige menschliche Träger, durch den sie sich den Menschen offenbart.

Mein Meister Sant Kirpal Singh gab in diesem Zusammenhang gern das Beispiel einer Glühbirne, die nach einer gewissen Zeit ausbrennt. Wird sie durch eine neue ausgetauscht, erstrahlt im Raum dasselbe helle Licht wie zuvor. Wenn also ein „Licht der Welt“ (ein Gottessohn) die Erde verlässt, strahlt die Gotteskraft (der „elektrische Strom“) durch ein neues Licht (ein frisches „Leuchtmittel“) unvermindert weiter in die Welt.

Wenn Christus daher sagt: „Ich komme bald“, so bezieht er sich damit auf seinen Nachfolger, der seine Aufgabe als Seelenführer fortsetzen und vollenden wird. Gleichzeitig tröstet Jesus seine Jünger mit der Versicherung, er werde als allezeit wirkende, „in alle Ewigkeit lebendige“ Gotteskraft (vgl. Off 1,18) immer bei ihnen bleiben. In diesem Sinne hat er die Menschheit wirklich nie verlassen, denn es gibt keine Zeit, zu der diese Kraft nicht in der Schöpfung wirksam wäre.

Durch das Wort „bald“ bringt Jesus zum Ausdruck, dass bis zum Auftreten des neuen Gottessohnes und seine Anerkennung durch die Jesus-Jünger noch ein gewisser Zeitraum vergehen wird, den sie durch den verstärkten inneren Kontakt mit ihm zu überbrücken haben. Darum fordert er sie auf, „auszuharren“ und „festzuhalten, was sie haben“ (vgl. Off 3,10), bis er „seinen neuen Namen“ schreibt (vgl. Off 3,12).

WURDE JESUS WIEDERGEBOREN?

Jesu Ankündigung „Ich komme bald“ berechtigt freilich nicht zu der Annahme, seine Seele hätte wenig später in einem neuen Körper reinkarniert – obschon diese Vorstellung seinen Zeitgenossen keineswegs fremd war. Einmal fragt Jesus beispielsweise seine Jünger: „Für wen halten die Leute den Menschensohn?“ Und sie antworten: „Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen der Propheten“ (vgl. Mt 16,13-14).

Auch nach der Tradition des tibetischen Buddhismus wird die Seele eines verstorbenen Dalai Lamas in einem neuen menschlichen Körper wiedergeboren. Auf dieses Reinkarnations-Modell gründet sich der bekannte Brauch, in den ersten Jahren nach dem Tod des letzten Oberhaupts nach dessen Wiederverkörperung zu suchen.

Eingeschoben.

Auf die direkte Frage, ob er tatsächlich die Reinkarnation früherer Lamas sei, antwortete der heutige Dalai Lama dem Journalisten Mick Brown freilich „weder mit ‚ja’ noch mit ‚nein’“, wie der bekannte Autor Paolo Coelho erzählt („Von der Unendlichkeit des Lebens“, in: tvhus, 18/2010, S.31). „Einige Menschen würden wiedergeboren, andere seien nur Symbole von Wiedergeborenen.“ Seine nächste Geburt bestimmt ein Dalai Lama dem Vernehmen nach durch das rituelle Legen von Gedächtnis-„Spuren“ (Eindrücken) im „subtilen Bewusstsein“, das den Tod überlebt und dann „in einem neuen Körper eine neue Form findet“. (Exkurs der Redaktion)

KEIN ÜBERZEUGENDES MODELL.

Dieses Reinkarnations-Modell überzeugt aus zweierlei Gründen nicht. Zum einen wirft es die Frage auf, wieso ein Mensch, der Vollkommenheit erlangt hat – das heißt von sämtlichen karmischen Eindrücken frei geworden und wieder eins mit Gott geworden ist –, überhaupt noch wiedergeboren werden muss.

Und auch wenn man die Notwendigkeit einer solchen Wiedergeburt akzeptiert, so fragt es sich, welchen Sinn es hat, sich um eine Erlösung zu bemühen, die am Ende doch wieder in den Kreislauf des Lebens zurück führt. Die Reinkarnation ist nur insoweit sinnvoll, als sie der Entwicklung unvollkommener verkörperter Seelen dient. Weiter fortgeschrittenen Seelen bietet sie Gelegenheit, das Ziel des irdischen Daseins, die Gott-Erkenntnis, in einer Reihe von höchstens vier Lebensläufen zu erreichen. (Vgl. „Spirituelle Zahlen-Symbolik. Jesus und die Zahl 4“, VISIONEN, Juni 2010)

Eingeschoben. Angeblich spricht Buddha zwar nirgends von Gott-Erkenntnis oder Gott, sehr wohl aber von der inneren Erfahrung derselben Attribute, die in allen anderen mystischen Traditionen der Welt als göttlich bezeugt sind. Gott wird von Buddha lediglich in dem Sinn verneint, dass er sich in seiner Unergründlichkeit allen menschlichen Erklärungs- und Beschreibungsversuchen entzieht – ähnlich wie es im Tao Te King auch vom Tao heißt: Das Tao, das man benennen kann, ist nicht das wahre Tao. (Exkurs der Redaktion)

FAZIT.

Es kann keine Rede davon sein, dass ein Gottmensch sich als individuelle Seele wiederverkörpern muss. Es ist vielmehr so, dass die Gotteskraft nach dem Tod eines lebenden Meisters durch einen anderen menschlichen Pol weiterwirkt. Der gegenwärtige und der künftige Meister sind also üblicherweise Zeitgenossen. Der „designierte“ neue Meister kann die Nachfolge jedoch erst antreten, wenn er von seinem Meister dazu autorisiert ist. Gewöhnlich beginnt der neue Meister sein öffentliches Wirken erst nach dem Tod seines Vorgängers. Darum betonte Jesus: „Wenn ich nicht weggehe, wird der Tröster nicht zu euch kommen“ (vgl. Jh 16,7). Es kann aber auch Zeiten geben, in denen es mehr als ein „Licht der Welt“ zur selben Zeit gibt (zum Beispiel Guru Nanak und Kabir) oder in denen der neue Meister schon parallel zu dem noch „amtierenden“ Meister zu wirken beginnt.

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