Soami Divyanand, der sich hier der Befragung stellt, lehrt als spiritueller Meister seit über 30 Jahren den Yoga der Seele, den Pfad des göttlichen Lichts und Klangs. Mit dem spirituellen Sprach-Code der heiligen Schriften, der sich auf dem inneren Offenbarungsweg erschließt, entschlüsselte er bereits die Veden und wesentliche Teile der Gita, der Bibel und des Korans – eine grundlegende Voraussetzung für das Verständnis der inneren Einheit der Religionen.
Dem Christentum liegt ebenso wie dem Islam die Auffassung von der untrennbaren Einheit von Seele und Körper zugrunde. Beide Religionen lehren übereinstimmend: Der Mensch ist ein Ganzes aus Geist und Körper, und diese Einheit sollte auch im Bereich der Religion nicht zugunsten des Geistes vernachlässigt werden.
Diese Idee drückt sich bis heute in beiden Religionen in bestimmten Sakramenten und Ritualen aus, die den Körper genauso einschließen wie den Geist. Beim rituellen Gebet (salat) werfen sich die Muslime mit ihrem ganzen Körper in Ehrerbietung vor Allah nieder. Die Sufi-Derwische sind berühmt für ihre ekstatischen Tänze. Im Ramadan zeigt der Muslim Allah seinen Gehorsam durch Fasten während des Tages. Ganz ähnlich singt der Christ in Anbetung Gottes; er kniet nieder, er bekreuzigt sich, und auch er kennt Fasten als rituellen Akt.
Darüber hinaus kennen beide Religionen die körperliche Arbeit als eine Art Dienst gegenüber Allah bzw. Gott: Für Muslime ist es ganz natürlich, sogar am Freitag, ihrem wöchentlichen Feiertag, die Arbeit nicht ruhen zu lassen. Sie verrichten sie als eine Art Anbetung, statt sich einen freien Tag zu gönnen wie die Christen am Sonntag.
Religionsgemeinschaften wie das Christentum oder der Islam beziehen den Körper beim Beten ein. Aus spiritueller Sicht ist die Anbetung Gottes ein geistiger Akt.
DIE FRAGE: Sie warnen jedoch aus spirituellen Gründen davor, im Bereich der Religion Körper und Geist zu vermischen und zu verwechseln.
Warum?
DIE ANTWORT: Während des Lebens bilden Geist und Körper offensichtlich eine Einheit, die wir Mensch nennen.
1. KEINE UNLÖSBARE EINHEIT.
Diese Einheit löst sich jedoch beim Tode auf, wenn die Seele, der Geist oder das Bewusstsein den Körper verlässt. (Alle drei Begriffe meinen im spirituellen Sprachgebrauch dasselbe.) Dieser Vorgang, der schlussendlich jeden Menschen betrifft, macht deutlich, dass der Körper für sich genommen nichts vermag: Er wird ausschließlich von dem Geist belebt und gelenkt, der in ihm wohnt und durch ihn wirkt. Sobald dieses Bewusstsein oder dieser Geist den Körper verlassen hat, kann er von einer Sekunde zur anderen nichts mehr tun. Er beginnt sogar, seine physikalische Substanz zu verändern und nach kürzester Zeit zu verwesen.
Angesichts dieser unumstößlichen Tatsache kann höchstens ein Atheist von der unlösbaren Einheit von Körper und Seele sprechen. Damit leugnet er gleichzeitig ein Weiterleben der Seele nach dem physischen Tod. Ein Mensch, der sich zur Religion bekennt – sei dies nun der Islam, das Christentum oder eine andere –, ist vom Weiterleben des Bewusstseins nach dem Tode überzeugt. Postuliert er die unlösbare Einheit von Seele und Körper, so widerspricht er damit seinen eigenen Grundsätzen.
Die Art, wie das traditionelle islamische Gebet (salat) verrichtet wird, beruht ebenfalls auf einem Missverständnis. Der Begriff salat bedeutet wörtlich: „vollständige Unterwerfung gegenüber Gott“. Sich vollständig Gott unterwerfen oder seinem Willen übergeben kann der Mensch jedoch nur mit seinem Gemüt und mit seiner Seele, nicht aber mit seinem Körper. Wenn sich ein Gläubiger beim Beten niederwirft, so bedeutet dies keineswegs, dass er sich in diesem Moment im Geiste Gott berantwortet hat. Vielmehr ist er durchaus in der Lage, sich vom Gebet zu erheben und im nächsten Augenblick Gottes Gebote zu übertreten. Der salat in dieser Form kann höchstens als symbolischer Akt für die geistige Bedeutung der Unterwerfung unter Gottes Willen verstanden und akzeptiert werden.
Dasselbe gilt im Prinzip für alle anderen genannten Formen der Anbetung Gottes. Christen, die glauben, Gott durch äußere Rituale anbeten zu können, müssen sich Jesu eigene Worte entgegen halten lassen: „Gott ist Geist, und wer ihn anbetet, muss ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten“ (Jh 4,24). Diese geistige Anbetung „in der Wahrheit“ besteht darin, dass der Mensch im Zustand der inneren Sammlung (Meditation) in seinem Bewusstsein die göttlichen Offenbarungen von Licht und Klang erfährt: „Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zum Licht“ (Jh 3,21), und „Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme (das heißt, er vernimmt nach Jh 18,37 die Offenbarungen Gottes im Klang).
Aus diesen Aussagen geht unzweideutig hervor: Auch nach Jesu Lehre spielt der Körper bei der Anbetung Gottes keine Rolle.
Der Körper hat lediglich die Aufgabe, der Seele während ihrer irdischen Existenz dabei zu helfen, die ihr zugedachte Rolle zu spielen und die ihr vom Schicksal auferlegten Pflichten zu erfüllen. Im Leben des verkörperten Menschen erfüllt der Leib mit all seinen Sinnen vielfältige Funktionen. In der Beziehung zwischen der Seele und Gott hat er jedoch keine besondere Bedeutung.
Dies gilt sogar für Arbeit oder selbstloses Dienen, den Menschen als eine Art Gottesdienst verrichten. Denn der Körper kann erst dann eine Arbeit selbstlos verrichten, wenn der Geist dabei eine selbstlose Einstellung empfindet. Die innere Haltung bzw. die Absichten und Gefühle, die der verrichteten Tätigkeit zugrunde liegen, sind entscheidender als die physische Arbeit selbst. So wichtig der Körper also in der materiellen Welt ist, so unwichtig ist er bei der Anbetung Gottes: Sie beruht ausschließlich auf der inneren Verbindung zwischen dem menschlichen Geist und Gott.
Fragenklärung: Soami Divyanand Kontakt & Infos: www.dsforg.net & www.dsfnet.org