„Mein Ego spielt verrückt!“

„Mein Ego spielt verrückt!“

Spirituelle Probleme – meisterhaft geklärt

„Beim Meditieren merke ich vom Ego nichts. Aber hinterher denke ich manchmal lauter dummes Zeug...“Wann gibt das Ego endlich Ruhe?

Je mehr ich meditiere, desto größer scheint mein Ego zu werden. Was kann ich dagegen tun?

Viele Meditationsmethoden bewirken, dass das Ego stärker wird, und zwar alle, die mit den Sinnen, dem Gemüt oder dem Verstand zu tun haben. Das Ego vergeht erst dann, wenn Sinne, Gemüt und Verstand schweigen und man jenseits davon die Wirklichkeit von Angesicht zu Angesicht schaut. Dann erkennt man, dass man selbst nichts tut, sondern dass alles durch eine andere Kraft geschieht, die durch einen wirkt.

Denkt man nach dem Meditieren unterschwellig: „Das habe ich gut gemacht!“, ruft man das Ego auf den Plan und bringt sich damit in Schwierigkeiten.

Das Ego erhebt sich aber nicht, während ich meditiere, sondern danach. Es wird erst hinterher stärker. Wie kann ich meine Selbstkontrolle die ganze Zeit über aufrecht erhalten?

Die Frage ist, welche Art von Meditation du praktizierst. Einmal suchte ein Mann bei mir Rat, der Gott auf rituellem Wege verehrte. Solange er seine Rituale vollzog, war er glücklich und zufrieden. Doch sobald er damit fertig war, fing sein Ego wieder an, ihn zu stören. Mit äußeren Mittel lässt es sich zwar kurzzeitig beruhigen; überwinden kann man es damit nicht.

Worüber meditierst du? Hat das etwas mit der Verstandes- oder Sinnes-Ebene zu tun? Das ist der springende Punkt. Da können viele Dinge im Spiel sein: Gefühle, Annahmen, Schlussfolgerungen... Bei alldem gibt es immer jemanden, der diese Dinge tut oder erfährt, auch dann noch, wenn du dabei bis ins Jenseits gelangst.

Das ändert sich erst, wenn man in der Lage ist zu sehen, dass all diese Vorgänge von einer höheren Kraft bewirkt werden. Erst wenn man sich noch während des Lebens über das Körperbewusstsein erhebt und sich selbst als etwas vom Körper Getrenntes erfährt, kann man diese Kraft – die Gotteskraft – erkennen, nicht durch Gefühle oder logisches Denken.

Darum sage ich immer: Ehe ihr Gott erkennen könnt, müsst ihr erst euch selbst erkennen. Nur die Seele kann Gott erkennen, indem sie sich über die Sinne, das Gemüt und das Denken erhebt und erkennt, dass sie nicht darauf beschränkt ist und auch jenseits dieser Bereiche wirken kann. Um zu erkennen, wer man ist, muss man also erst einmal erkennen, wer man nicht ist.

Ein Mensch, der in dieser Kunst bewandert ist, kann einem zeigen, wie das geht. Wenn man unter seiner Anleitung meditiert, merkt man, wie man sich über das Körperbewusstsein erhebt: Ähnlich wie man seine Stiefel ausziehen oder seinen Mantel ablegen kann, kann man auch seinen Körper ablegen und hinter sich lassen. Dann erst erkennt man, wer man selber ist (nämlich Bewusstsein: die Seele oder das Selbst, nicht der sterbliche Körper und das begrenzte Ich). Und dann erkennt man auch, dass jenseits davon noch eine größere Kraft wirksam ist (die Überseele oder Gott).

Wir brauchen uns also nicht mit irgendwelchen Annahmen abzugeben, sondern können uns direkt mit der Kraft verbinden, durch die sich Gott offenbart. Erhebst du dich denn über das Körperbewusstsein? Vergisst du in der Meditation deinen Körper?

Ja, das kommt vor.

Das ist gut.

Aber das Problem tritt nicht während der Meditation auf, sondern in der Zwischenzeit, wenn ich nicht meditiere. Beim Meditieren selbst merke ich vom Ego nichts.

Nach dem Meditieren sollten wir Gott für die Gnade dankbar sein, dass er uns die eine oder andere innere Erfahrung geschenkt hat. Wir haben sie nicht unseren eigenen Bemühungen zu verdanken. Unser eigener Beitrag beschränkt sich darauf, an seiner Tür zu sitzen. Es liegt in seiner Hand, uns zu geben, soviel er will. Wenn wir diese Einstellung haben, ist kein Ego da.

Wenn ihr euch nach dem Meditieren sagt: „Jetzt habe ich aber richtig schön meditiert. Das habe ich gut gemacht. Ich komme voran!“, dann vergesst ihr den Geber und seine Gnade und wertet das Erhaltene als eure eigene Leistung. Diese Haltung ruft das Ego auf den Plan und dann bekommt ihr natürlich Probleme damit. Für mich ist das sonnenklar.

Darum sitzt einfach nur geduldig an der Tür. Nehmt an, was kommt – ganz gleich, was es ist. Es ist seine Gnade. Sprecht erst ein Gebet, bevor ihr mit dem Meditieren anfangt: „O Gott, ich sitze hier vor deiner Tür. Komm und hilf mir hinein!“ Zieht euch völlig von außen zurück und wartet. Und seid dankbar für das, was er euch gibt. In diesem Fall bleibt ihr vom Stachel des Egos verschont.

Die Sache ist nur die: Manchmal kann ich beispielsweise wochenlang voller Liebe sein, und alles läuft glatt und reibungslos, und dann wache ich eines Morgens auf und denke lauter dummes Zeug, das in meinem Kopf eigentlich nichts zu suchen hat.

Der Fehler liegt darin, dass du noch nicht siehst: Gott ist überall um mich herum. Du siehst nicht wirklich, dass er alles tut. Wenn du das siehst, dann kann dir so etwas gar nicht passieren – dann bekommst du gar keine Ego-Probleme.

Unser Unterbewusstsein ist noch voller Unreinheiten. Darum kommt es nach Zeiten, in denen wir beim Meditieren beglückende Erfahrungen gehabt haben, immer wieder zu solchen Ausbrüchen. Das geht so lange, bis der Speicher unseres Unterbewusstseins leer ist.

Verbindet euch bewusst mit Gott – durch seine Offenbarungen Licht und Klang. Das betone ich ausdrücklich immer wieder. Manchmal habt ihr nämlich nur das Gefühl, innen etwas gesehen zu haben. Sehen ist etwas ganz Anderes. Siehst du denn wirklich die Ausdrucksformen der göttlichen Energie? Darauf kommt es an. „Wenn dein Auge einfältig ist, ist dein ganzer Leib voller Licht.“ Siehst du denn dort drinnen Licht?

Ja.

Das ist gut. Dann vertiefe die Verbindung und räume alle Unvollkommenheiten aus – jeden Tag ein bisschen mehr. Wenn du täglich ungefähr zwei Stunden meditierst, bleiben immer noch über zwanzig Stunden, in denen du allen möglichen äußeren Regungen nachgeben kannst.

Ja, genauso geht es mir. Ich versuche die ganze Zeit, bei der Sache zu bleiben, vor allem in der Meditation. Und wenn ich nicht meditiere, konzentriere ich mich auf mein Mantra, und trotzdem spielt mein Denken verrückt.

Eben das meine ich, mein lieber Freund. Du hast noch allerhand Unreinheiten in dir, die dann natürlich in Abständen hochkommen. Gib deinem Denken immer etwas zu tun, sonst kommt es nur auf dumme Gedanken! Meditiere mehr und räume nacheinander deine Fehler und Schwächen aus. Beides geht Hand in Hand. Dann kommt die Zeit, wo das Gemüt keinen Staub mehr zum Aufwirbeln findet.

Das lässt sich aber nicht forcieren. Es braucht seine Zeit. Wir können schließlich nicht Tag und Nacht ununterbrochen meditieren. In der Zwischenzeit hat das Gemüt aber nichts, woran es sich halten kann, und dann müssen wir gut aufpassen, dass es nicht wieder nach außen läuft. Sämtliche Eindrücke holt es sich von dort. Wir müssen also ständig ein wachsames Auge darauf haben.

Verbinde dich regelmäßig mit der Gotteskraft in dir, dann hört der Spuk allmählich ganz von selber auf.

Du meinst, das Gemüt gibt dann endlich Ruhe?

Ja. Mach nur die Probe aufs Exempel und der Erfolg ist dir gewiss.

Kirpal Singh

REFLEXIONEN MIT VISIONEN
Was heißt: sich selbst für den Handelnden halten?

„In der Welt handeln wir mit unserem Ich-Sinn. Wir beanspruchen die universalen Kräfte, die in uns wirken, als unser Eigentum und schreiben sie uns als das Ergebnis unseres persönlichen Willens, unserer Weisheit, Kraft und Tugend gut.

Erleuchtung führt uns zu der Erkenntnis, dass dieses Ich nur ein Instrument ist. Die wahre Macht unseres Ich gehört Gott. Wenn das menschliche Ich einsieht, dass sein Wille ein Werkzeug ist, seine Weisheit Unwissenheit und kindische Unerfahrenheit, seine Macht das tastende Suchen eines kleinen Kindes, seine Tugend nur anmaßende Unlauterkeit – und wenn das Ich dann lernt, sich ganz dem anzuvertrauen, was jenseits von ihm liegt: dann ist das seine Rettung.“

Sri Aurobindo

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