Mystische Architektur

Mystische Architektur

Gotteshäuser als spirituelle Symbole

In den organisierten Religionen gelten Kirchen, Moscheen, Synagogen und Tempel als Stätten der Gottesverehrung. Doch der eigentliche Tempel Gottes ist der menschliche Körper, denn nur in uns selbst können wir Gott im rechten, geistigen Sinne anbeten. Diese ursprüngliche Wahrheit lässt sich auch an der Bauweise von Gotteshäusern ablesen.

Vorbild und Nachahmung

Die Stelle im Körper, die für die Anbetung vorgesehen ist, liegt im Kopf oberhalb der Augen und der anderen Sinne. Tatsächlich erinnern die äußeren Gotteshäuser in ihrem Aufbau an den Körper des Menschen. Mit ihren Kuppeltürmen ähneln die Tempel der Hindus zumBeispiel dem Schädel. Im Innern des Tempels werden Kerzen angezündet und Glocken geläutet, die symbolisch darauf verweisen, dass im Innern des Kopfes das göttliche Licht und der Klang Gottes (s. Kasten) erfahren werden. Die hohen Türme der christlichen Kirchen besitzen ebenfalls symbolische Bedeutung, denn genauso wie die Glocken von der Turmspitze läuten, offenbart sich der göttliche Klang der Seele an ihrem Sitz an der Nasenwurzel. Die Moscheen des Islam werden nach einem ähnlichen Muster errichtet. Ihr Hauptmerkmal besteht in den Bögen (Alkoven), unter denen die Menschen sich zum Gottesdienst versammeln. Auch über den Augen befinden sich zwei solche Bögen, die Augenbrauen – genau oberhalb der Stelle, an der unsere Seele oder unser Bewusstsein sich zur Andacht sammelt. Außerdem werden die Suren und Gebete auf einer Art Kanzel (mimbar) singend vorgetragen. Genauso erschallt auch der beständige Klangstrom von oben her.

Mystische Symbolik

Genauso verweisen die vielfältigen Lichterscheinungen, die wir aus Gotteshäusern kennen (Kerzenschein, Goldglanz, bunte Glasfenster usf.), auf die göttlichen Offenbarungen des Lichts, die ursprünglich im Tempel des menschlichen Körpers zu erfahren sind. Den spirituellen Ort des In-Erscheinung-Tretens Gottes beschreibt die Johannes-Offenbarung (21,10-14) als „... die heilige Stadt Jerusalem, die aus dem Himmel von Gott herabstieg. ... Ihr Lichtglanz ist gleich einem überaus kostbaren Stein, ... leuchtend wie Kristall“; sie hat zwölf Tore „und über den Toren zwölf Engel... Und die Mauer der Stadt hat zwölf Grundsteine und darauf zwölf Namen, die Namen der zwölf Aposteln des Lammes.“ Die heilige Stadt Jerusalem ist das Reich Gottes, das nach Jesu Worten „inwendig in uns“ ist (vgl. Lk 17,21). Die zwölf Tore mit ihren Engeln stehen für die verschiedenen Lichtmanifestationen, die in den Veden mit genau demselben Bild beschrieben werden. Die zwölf göttlichen Lichter bilden die „Grundfesten“ der spirituellen Region, da man im Laufe seines spirituellen Fortschritts als erstes das göttliche Licht erfährt. Diese zwölf Arten von göttlichem Licht werden auch als die zwölf „Apostel“ bezeichnet, insofern sie der Seele Botschaften von Gott übermitteln. In ihrer gesamten Anlage folgen die christlichen Kirchen einem sorgfältig durchdachten symbolischen Muster. In den gotischen Kathedralen ist beispielsweise das Rosettenfenster oberhalb des Portals mit seinem schönen, in viele Farben gebrochenen Licht in zwölf Abschnitte aufgeteilt, die den zwölf Lichtmanifestationen im Innern entsprechen. Die romanischen Kirchen weisen ein langes, dunkles Schiff mit nur kleinen Fenstern im Obergaden auf; das Kirchenschiff ist stets niedriger als der Altar, zu dem es hinführt.
Auch dieser Plan geht auf den inneren mystischen Pfad zurück, auf dem die Seele sich durch einen Tunnel hindurch dem „Altar“ nähert. Darüber hinaus finden wir im Altarbereich auch Darstellungen von Musikinstrumenten wie Flöten, Lauten, Trommeln und Trompeten – alles Hinweise auf die entsprechenden Klänge, die die Seele auf dem mystischen Pfad vernimmt. Die göttlichen Offenbarungen, auf die solche Symbole verweisen, sind für die ganze Menschheit dieselben, wohingegen sich ihre symbolische Ausdrucksweise im Bau der verschiedenen Arten von Bethäusern unterscheidet.

Viele Formen – eine Wahrheit

Leider ist die Sicht der Menschen so begrenzt, dass sie nicht über die formalen Unterschiede hinaus blicken und sich so fanatisch daran binden, dass sie zuweilen sogar die Andachtsstätten anderer Religionen anzünden in der Überzeugung, dass Gott nur in ihren eigenen wohnt. Dazu gibt es ein Gleichnis: Ein Trinker saß einmal in einer Moschee und trank Wein. Da kam ein Mullah vorbei und fragte ihn ärgerlich:´„Wie kannst du es wagen, im Hause Gottes Wein zu trinken? Weißt du denn nicht, dass Allah an dieser heiligen Stätte wohnt?“ Der Mann antwortete: „Das Trinken kann ich nicht lassen, aber es braucht nicht in der Gegenwart Allahs zu sein. Führe mich doch bitte an einen Ort, wo Allah nicht gegenwärtig ist.“ Der Mullah wusste nicht, was er darauf sagen sollte, da ihm klar war, dass Allah überall allgegenwärtig war und es somit auf der ganzen Welt keinen Ort gab, an dem Gott nicht wohnte. Während der Trinker noch auf seiner Frage beharrte, kam ein dritter Mann vorbei, hörte den Streit und sagte: „Es spielt keine Rolle, wo du trinkst, denn wenn du Gott nicht in deiner eigenen Seele hast, dann existiert er für dich nirgendwo.“

Unselige Missverständnisse

Der wirkliche Tempel Gottes ist der menschliche Körper, denn hier offenbart sich Gott der Seele, während die Bethäuser aus Stein nur Symbole für diesen lebendigen Tempel sind. Leider halten jedoch die Hindus nur ihre eigenen Tempel für heilige Stätten, während für Muslime nur die Moscheen Gotteshäuser sind und Christen glauben, Gott wohne nur in ihren Kirchen. Alle kennen nur ihren eigenen, begrenzten Blickwinkel und verstehen den´Begriff „Tempel Gottes“ völlig falsch. Könnte dieses Missverständnis ausgeräumt werden, dann ließe sich auch die Feindschaft zwischen den Religionen in einem erheblichen Ausmaß vermeiden. Dies erinnert an eine lustige Geschichte. Ein kleiner Junge aus Indien lernte in der Schule Englisch. Der Lehrer zeigte auf seinen Kopf und sagte: „This ist my head.“ Der Junge merkte sich den Satz gewissenhaft, und als sein Vater am Abend wissen wollte: „Was hast du denn heute in der Schule gelernt?“, antwortete er: „This ist my head.“ Sein Vater fragte ihn: „Weißt du denn auch, was das in unserer Sprache heißt?“, und der Junge erwiderte: „Es bedeutet: ‘Dies ist der Kopf des Lehrers’.“ Da wurde sein Vater ärgerlich und erklärte: „Nein, nein, das bedeutet: ‘Dies ist mein Kopf.’ “ Am nächsten Tag prüfte der Lehrer, ob seine Schüler die Lektion des Vortags behalten hatten: „Was bedeutet: ‘This is my head’?“ Da antwortete der kleine Junge: „Es heißt: ‘Dies ist der Kopf meines Vaters’.“ Daraufhin wurde zurecht gewiesen und belehrt: „’My head’ bedeutet ‘mein Kopf’.“ Zu Hause spielte sich zwischen Vater und Sohn dasselbe Frageund- Antwort-Spiel ab wie am Vortag, und als der arme kleine Kerl wiederholte, ‘my head’ bedeute ‘der Kopf des Lehrers’, bekam er auch noch einige Schläge aufs Hinterteil. Als der Junge am nächsten Morgen in der Schule noch einmal die neue Vokabel erklären sollte, sagte er schließlich resigniert: „In der Schule bedeutet es ‘der Kopf des Lehrers’, und zu Hause ‘der Kopf des Vaters’.“ Das Missverständnis dieses Kindes beschreibt genau unsere eigene Kurzsichtigkeit.
An die Religion gebunden, in der wir groß geworden sind, glauben wir, dass ihre Gotteshäuser allein heilige Stätten sind, während wir die Tempel anderer Religionen verachten. Wenn wir nur wüssten, dass Gott im Innern des menschlichen Körpers wohnt, dann könnten wir verstehen, dass unser Stolz auf „meine Religion“, „mein Tempel“, „meine Moschee“ ein großes Missverständnis darstellt, das dem des kleinen Jungen gleicht.

Vom Mittel zum Selbstzweck

Mein Meister Sant Kirpal Singh führte in diesem Zusammenhang immer das Beispiel einer Schule an, deren Zweck darin besteht, die Schüler so auszubilden, dass sie am Ende die Abschlussprüfung bestehen. Wenn eine solche Schule über ein schönes Gebäude, qualifizierte Lehrer und gute Spielplätze verfügt und doch keinen Schüler erfolgreich durch die Prüfung führt, wird niemand eine solche Institution als empfehlenswert einstufen. Genauso dienen all die Kirchen, Moscheen und Tempel eigentlich der Anbetung Gottes. Wenn jedoch niemand, der sie besucht, dort göttliche Offenbarungen (s. Kasten) empfängt, haben sie ihren Zweck verfehlt. Wenn sie obendrein noch zur Quelle von Zwist und Engstirnigkeit werden, dann hat sich ihre ursprüngliche Aufgabe völlig ins Gegenteil verkehrt.
Der einzige Zweck der Gotteshäuser besteht darin, Schutz gegen Sonne, Regen, Hitze und Kälte sowie gegen Geräusche und andere Störungen zu gewähren, so dass die Ergebenen die rechte Atmosphäre für ihre Anbetung, das heißt für die Meditation, vorfinden. Die organisierten Religionen haben diesen Häusern jedoch aus egoistischen Motiven so viel Bedeutung beigemessen, dass sie deren ursprünglichen Zweck, das Empfangen der göttlichen Offenbarungen, immer mehr aus den Augen verloren und schließlich ganz vergessen haben und nun solche Stätten selbst als wesentliches Mittel der Anbetung betrachten.

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