DIE KARMISCHE LEHRE sollte auf keinen Fall so angewandt werden, dass sie bei Schülern und Nicht-Eingeweihten ein Gefühl der Hilflosigkeit und Enttäuschung hervor ruft. Der Mensch gestaltet sein Schicksal selbst. Wir sind zwar nicht in der Lage, die Vergangenheit zu ändern – wir können aber nach besten Kräften unsere Zukunft schmieden.
Alles, was uns im Leben begegnet, ist das Ergebnis unserer eigenen früheren Handlungen und entspricht unserem karmischen Entwicklungsstand. Danach sind wir mehr oder weniger gebunden und mehr oder weniger frei. Nur diesen freien Entscheidungsspielraum können wir dazu nutzen, um den Kurs unseres Lebens so zu ändern, dass er unseren spirituellen Fortschritt unterstützt. Und was müssen wir dazu tun? Aufhören, neue karmische Saaten zu säen.
Neue karmische Saaten ergeben sich unter Anderem aus der Art und Weise, wie wir heute auf die schicksalhaften Folgen aus unserer Vergangenheit antworten. Statt die Herausforderungen des Lebens freudig als Lern-Aufgaben anzunehmen und so in Schrittsteine für unsere spirituelle Entwicklung zu verwandeln, weisen wir sie jedoch gern zurück, wenn sie unserem Vorteil, unseren ichhaften Überzeugungen oder unserer mentalen und körperlichen Bequemlichkeit zuwider laufen. So „widerstehen wir dem Übel“, wie Jesus sagt, und machen uns das Leben erst richtig schwer – und zwar mit genau dem Anteil an freiem Willen, der eigentlich dazu dienen soll, unsere spirituelle Entwicklung voran zu bringen!
Angenommen, wir müssen uns einer unumgänglichen Operation unterziehen. Wenn wir uns dagegen auflehnen, wird die Behandlung mit Sicherheit schmerzhafter und langwieriger verlaufen, als wenn wir sie annehmen und bereitwillig an unserer Genesung mitwirken.
Die Vergangenheit können wir nicht ändern –
DAS BESTE, was wir tun können, ist daher, unseren freien Willen dem Willen Gottes zu unterstellen. Dann kommt uns alles, was wir zur Meisterung unseres Schicksals brauchen, hilfreich entgegen und fügt sich zwanglos zu unserem Besten. Doch wie übergeben wir unseren Willen Gott?
Entscheidend ist, dass wir bei allem, was wir tun, den Kontakt mit der Gotteskraft in uns aufrecht erhalten: indem wir auch bei alltäglichen Verrichtungen laufend die heiligen Worte wiederholen, die wir bei der Einweihung auf den Pfad erhalten haben; indem wir auf den selbsttätigen inneren Klangstrom hören, und indem wir liebevoll an unseren Meister denken, der uns durch sein Vorbild an unsere eigenen göttlichen Eigenschaften erinnert.
Der Vorteil dieser Methode ist: Unsere Aufmerksamkeit bleibt dabei im Innern gesammelt. So werden wir immun gegen negative Einflüsse, ob sie nun von außen kommen oder aus unserem eigenen Gemüt. Auf diese Weise bewahren wir unseren Gleichmut, und unser altes Karma kann ungehindert ablaufen, ohne dass wir es zum Anlass nehmen, gleich wieder neue karmische Ketten daraus zu schmieden. Dieser spirituelle „Immunschutz“ bewahrt uns weitgehend vor den schmerzlichen und unliebsamen Auswirkungen unserer karmischen Altlasten – so weit, dass wir gleichsam „nur einen Nadelstich für einen Schwertstreich“ spüren.
Parallel zu dieser Praxis sollten wir regelmäßig meditieren, denn dabei wird nach und nach auch das Saatkarma aus zahllosen Lebensläufen abgebaut, das andernfalls Stoff für weitere zahllose Lebensläufe liefern würde. Als drittes sollten wir durch selbstlosen Dienst unser Ego abbauen, das uns dazu verleitet, die guten Früchte unseres Handelns uns selbst zuzuschreiben und die „Schuld“ für die schlechten nach außen zu verlagern: auf die Umstände, andere Menschen usf.
aber in der Gegenwart Schritt für Schritt unsere Zukunft gestalten.
DAS GLÜCK und das Unglück, „das unsere Hände vorausgeschickt haben“ (Koran) ereilt uns auf jeden Fall – für das eine sollten wir dankbar sein und am anderen nie verzagen. Mein Meister sagte immer: „Ihr könnt nicht alle Dornen wegräumen, die ihr selbst auf euren Weg gestreut habt, aber ihr könnt zum Schutz davor feste Stiefel tragen.“ Die schwierige Aufgabe, uns vor den Rückwirkungen unserer eigenen Handlungen zu schützen, sollte also ernsthaft überdacht werden. Denn nur als Menschen haben wir die Möglichkeit, diese Folgen unwirksam zu machen.
Unsere früheren Handlungen sind nicht mehr zu ändern – insofern sind wir ihnen ausgeliefert. Wenn ihre Früchte sich in unserem Leben zeigen, sollten wir uns ihnen ehrlich stellen, die Verantwortung dafür übernehmen und sie dann in Gottes Hände legen.
Wälzt die Verantwortung für eure Misslichkeiten nicht auf andere ab. Niemand hat für einen anderen zu leiden. Uns treffen immer nur die Folgen unserer eigenen Taten. Ihr wurdet als Folge eures guten Schicksals-Karmas als Menschen geboren und auf den Pfad zu Gott gestellt. Alles, was ihr noch zu regeln habt, müsst ihr jetzt begleichen: Von einigen Menschen habt ihr noch etwas zu bekommen, anderen habt ihr noch etwas zu geben. Manchmal steigt aus dem Inneren eures Herzens Liebe auf, wenn ihr einem bestimmten Menschen etwas gebt. Ein andermal gebt ihr nur mit hasserfülltem Widerstreben. Das sind karmisch bedingte Empfindungen aus der Vergangenheit. Gebt ihnen keine neue Nahrung, indem ihr näher darauf eingeht. Haltet euren spirituellen Immunschutz aufrecht und zahlt eure Schulden zügig ab.
DIE FEDER UNSERES SCHICKSALS bewegt sich gemäß unseren eigenen Taten. Am Besten verbringen wir unsere Erdentage glücklich und zufrieden, indem wir ohne Murren geben, was wir zu geben haben, denn davor gibt es kein Entrinnen.
Zu erwarten, dass sich unsere weltlichen Angelegenheiten nach der Einweihung so ändern werden, dass uns keine schmerzlichen Erfahrungen mehr begegnen, ist eine irrige Vorstellung. Wir müssen den Höhen und Tiefen des Lebens ins Auge sehen und sie überwinden. Laufen wir vor ihnen davon, bleiben unsere Schulden unbeglichen, und wir müssen nochmals wiederkommen, um sie zu bereinigen.
Ein wohl durchdachtes und geordnetes Leben, das auf spiritueller Glückseligkeit beruht, bietet uns mit der Zeit jedoch neue Möglichkeiten des Friedens und der Harmonie. Wertet das Auf und Ab des Lebens als das, was es ist: vergänglich und vorübergehend. Haltet lieber freudig an dem goldenen Grundsatz fest, dass es in unserem eigenen spirituellen Interesse liegt, das Wohl und Wehe des Lebens im Geiste innerer Festigkeit und Ausgeglichenheit anzunehmen. Akzeptiert man alle Geschehnisse in diesem Geist des richtigen Verstehens, ist man gleich viel zuversichtlicher, glücklicher und fröhlicher gestimmt.
DIE ANORDNUNGEN DES HIMMELS unterliegen keinem Irrtum. Doch die göttliche Fügung ist immer voller Gnade. Die Meister greifen grundsätzlich nicht in das Schicksals-Karma ihrer Schüler ein. In einem gewissen Sinne tun sie es aber doch: Sie beginnen nämlich, der Seele Nahrung zu geben. Um den physischen Körper zu nähren, müssen wir essen und trinken. Um den Verstand zu stärken, lesen, schreiben und denken wir. Alle Worte sind Nahrung für den Verstand. Die Seele jedoch wird nur durch das Brot des Lebens mit Nahrung versorgt: durch die innere Erfahrung von Offenbarungen aus dem Jenseits. Durch diese Nahrung gewinnt die Seele immer mehr an Kraft, und auch wenn uns Unglück und Sorge treffen, wirken sie sich lange nicht mehr so schlimm auf uns aus: Wenn man einen dornigen Weg zu gehen hat und feste Stiefel anzieht, wird man die Dornen nicht mehr fühlen.