Thomas Hübl: Die Einbeziehung von Entwicklungsebenen und -linien verdeutlicht, dass es nicht nur um die Frage „Einheit oder Nicht-Einheit“ geht, sondern auch um verschiedene Entwicklungsebenen, die das Bewusstsein durchläuft. Eine evolutionär verstandene Spiritualität gibt uns die Fähigkeit zu erkennen, auf welcher Entwicklungsstufe Menschen transzendente Erfahrungen machen und sie interpretieren. So können wir ein tieferes Verständnis von inneren Erfahrungsräumen entwickeln und erkennen, dass Menschen die Welt nicht auf die gleiche Weise sehen. Wir können uns zwar objektiv auf gewisse Dinge einigen, etwa dass ein Tisch ein Tisch ist, aber die innere Erfahrung des Tisches wird sich dennoch von Mensch zu Mensch unterscheiden und jeweils einzigartig sein. Wenn wir das begreifen, wird unser Verständnis für andere Menschen, Erfahrungsräume und Werte wachsen.
Die evolutionäre Perspektive bringt noch viel stärker die Reichhaltigkeit des Lebens ein, so dass es nicht nur um die Frage von Dualität oder Non-Dualität geht, sondern auch um die Art und Weise, wie sich das Leben im non-dualen Raum entwickelt. Vom absoluten Standpunkt aus gibt es keine Entwicklung, denn der Eine Mensch ist ja schon immer da. Gleichzeitig sehen wir aber von unserem relativen Standpunkt als Menschen eine Entwicklung. Man kann sagen, dass sich die Komplexität des Lebens immer mehr ausformt und neue Strukturen bildet. Dadurch bildet sich die zeitlose Weisheit in jedem Zeitalter anders ab, kleidet sich in ein anderes kulturelles Gewand.
Eine authentische Spiritualität muss der Qualität der Zeit gerecht werden.
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