Wenn wir auf den spirituellen Pfad kommen und es dort zu etwas bringen wollen, müssen wir als erstes das feste Ziel und den unbedingten Wunsch haben, Gott in uns zu finden. Wenn wir uns das Leben von Heiligen anschauen, dann sehen wir, dass sie, rein äußerlich betrachtet, Menschen sind wie wir: Sie essen, schlafen und tun auch sonst dasselbe wie wir. Es gibt jedoch einen grundlegenden Unterschiede zwischen ihnen und uns: Ihre ganze Leidenschaft gilt Gott, während wir an die weltlichen Dinge gebunden sind. Die Grundvoraussetzung für diese Haltung ist, dass man sich aus vollem Herzen für Gott entscheidet und seine ganze Aufmerksamkeit ihm zuwendet. Dann und nur dann kann man ihm begegnen.
Wenn wir dieses Ziel immer wieder aus den Augen verlieren, dann deshalb, weil wir nicht den unbedingten Wunsch haben, es zu erreichen. Und warum haben wir diesen Wunsch nicht? Weil wir fortwährend weltlichen Dingen den Vorrang geben.
Nach dieser grundsätzlichen Entscheidung für Gott geht es als zweites darum, auch im Alltag an unserem Lebensziel festzuhalten. Wir müssen es immer klar vor Augen haben und dürfen keine Mühe scheuen, um es zu erreichen. Mein Meister sagte immer: „Was ein Mensch getan hat, kann auch ein anderer tun, natür lich mit der notwendigen Anstrengung und der rechten Führung.“ Doch bedauerlicherweise bemühen wir uns nicht genügend darum und geben uns statt dessen lieber mit allen möglichen anderen Dinge ab, die unserem Ziel nicht dienlich sind. Und warum? Die Wahrheit ist: Unser Ziel ist uns einfach nicht wichtig genug.
„Sorge für deinen Weg, dann sorgt dein Weg auch für dich.“ (Paulo Coelho)
Aus dieser Halbherzigkeit heraus lassen wir uns leicht von kurzlebigen äußeren Reizen und Verlockungen von unserem Übungsweg ablenken und verschieben die spirituelle Praxis auf später.
In Indien kommt es häufig vor, dass jemand, der sagt, er wolle ein spirituelles Leben führen, zur Antwort bekommt: „Das ist doch etwas für alte Leute. Dafür ist später immer noch Zeit.“ Aber was macht uns so sicher, dass wir dieses „später“ überhaupt erreichen? Und wer sagt uns, dass wir im Alter noch die nötige Energie aufbringen, uns um unseren spirituellen Weg zu kümmern?
Ein noch extremeres Beispiel von „Aufschieberitis“ erlebte ich einmal bei meinem Meister, als ihn ein Schüler fragte: „Wenn wir einen vollendeten Meister gefunden haben, werden wir doch mit Sicherheit im folgenden Leben wieder als Mensch geboren, und nicht als Tier?“ Der Meister nickte. Darauf sagte der Schüler: „Dann können wir doch unser Ziel auch im nächsten Leben noch erreichen. Warum also diese Eile?“ (Vgl. dazu: „Heute Mensch – morgen Tier? Karmischer Gestaltwechsel als Wunsch-Service der Natur“, VISIONEN, 4/2009. )
Der Meister antwortete: „Warum willst du warten, bis du das nächste Mal Mensch wirst? Du bist doch jetzt schon einer – oder bist du etwa ein Esel und verschiebst dein Ziel deshalb auf die nächste Geburt?“ Wenn wir schon Menschen und Schüler eines Meisters sind, sollten wir alles tun, um die Erlösung noch in diesem Leben zu finden.
Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg: „Klopfet an, so wird euch aufgetan“ (Mt 7,7). Aber wir haben weder diesen Willen noch klopfen wir an. Stellt euch vor, euer Sohn ist unterwegs und ihr erwartet ihn am selben Tag noch zurück, aber dann wird es Abend und schließlich Nacht, und er ist immer noch nicht da – dann findet ihr keine Ruhe und könnt die ganze Nacht nicht schlafen. So viel Zeit ist schon vergangen, ohne dass wir Gott begegnet sind, und nie haben wir um seinetwillen schlaflose Nächte gehabt. Wie können wir dann behaupten, wir hätten Sehnsucht nach ihm?
Als mein Meister Sant Kirpal Singh seine Ausbildung abgeschlossen hatte, stellte er sich die Frage, was er mit seinem Leben anfangen und zu seinem Lebensziel machen sollte, und dachte eine Woche lang darüber nach. Dann stand für ihn fest: „Gott zuerst, dann die Welt.“ Als er sich am Tag nach dieser Entscheidung zu Bett legte, kam ihm der Gedanke: „Nun sind bereits 24 Stunden vergangen, ohne dass ich etwas für mein Ziel getan habe.“ Und er begann zu weinen und weinte die ganze Nacht hindurch. In diesem Zustand befand er sich zwei oder drei Tage lang. Dann sammelte sich seine Seele und schaute im Innern die Vision eines Mannes, die ihm wieder Frieden brachte. Diese innere Erscheinung begleitete ihn sieben Jahre lang, bis sich seine Sehnsucht auch im Äußeren erfüllte und er zu eben diesem Mann geführt wurde, seinem spirituellen Meister.
Halbherzig auf den rechten Augenblick zu warten und die nötigen Schritte zum Ziel auf den St. Nimmerleins-Tag zu verschieben, führt ganz sicher nicht zum Erfolg. Ich hoffe also, ihr seid keine „Esel“ und macht euch unverzüglich auf den Weg. Dabei wünsche ich euch alles Gute.