Vorgestellt. Soami Divyanand, der hier auf Fragen zur Bibel antwortet, lehrt als spiritueller Meister seit über 30 Jahren den Yoga der Seele, den Pfad des göttlichen Lichts und Klangs. Mit dem spirituellen Sprach-Code der heiligen Schriften entschlüsselte er bereits die vier Veden und wesentliche Teile der Gita, der Bibel und des Korans – eine grundlegende Voraussetzung für das Verständnis der inneren Einheit der Religionen.
Frage: Das Gottesreich des Evangeliums wird von vielen Menschen als Zukunftsvision verstanden – die vielleicht schon bald die Erde in ein Reich des Friedens verwandeln wird. Lässt sich diese Einschätzung aus spiritueller Sicht erhärten?
Antwort: Nein. Jesus kam nicht, um seine Vision einer neuen, edlen Gesellschaft zu verkünden. Wann immer er vom Gottesreich spricht, tut er dies ausschließlich im spirituellen Sinn. Das Gottesreich, um das es ihm ging, ist die für die Welt der äußeren Sinne unsichtbare und unbeweisbare Wirklichkeit der göttlichen Offenbarungen, die nur von den „übersinnlichen Sinnen“ der Seele im Innern erfahren werden kann.
Das Gottesreich ist demnach keine Utopie, auf die Generationen von Menschen Jahrzehnte, Jahrhunderte oder gar Jahrtausende lang warten müssen, sondern es steht den Suchern grundsätzlich zu allen Zeiten offen.
Jeder Gottessohn ist das Gottesreich in Person. Der Vaterunser-Vers „Dein Reich komme“ ist damit nichts Geringeres als die Bitte um einen lebenden Meister…
Frage: Wie darf man sich das Kommen des Gottesreichs dann vorstellen?
Antwort: Es „kommt“ in einem einzigen Augenblick zu denen, die bereit sind, es zu empfangen, indem sie sich über das physische Bewusstsein ins Jenseits der fünf äußeren Sinne erheben. Denn die „Geheimnisse des Gottesreichs“ zu sehen und zu verstehen (vgl. Mt 13,11) ist nur den „Kindern des Reiches“ (vgl. Mt 13,38) gegeben, die spirituell dafür reif sind und „im Lebensbuch des Lammes stehen“ (vgl. Off 21,27). So will es das ewige Gesetz des Herrn: Es ist „vollkommen“, „verlässlich“, „gerade“ und „erleuchtet das (Einzel-)Auge“ (vgl. Ps 19,8-9), d. h. es bedarf keiner Änderung und wird den Menschen seit Urzeiten ohne Unterbrechung auf demselben direkten Wege im Inneren offenbart.
Um diese Offenbarungen zu empfangen und durch die „schma le Pforte“ (vgl. Mt 7,13) am Einzel- oder Dritten Auge ins innere Gottesreich einzutreten, brauchen die Menschen zu allen Zeiten einen von Gott gesandten lebenden Gottessohn, Gottmenschen, Gottesboten, Propheten oder Meister. Da er sämtliche göttliche Offenbarungen in sich birgt, ist er die Verkörperung oder das Fleisch gewordene Gottesreich in Person (vgl. „Wie nahe ist das Gottesreich?“, VISIONEN, 2/2011 ).
Frage: Wenn der lebende Gottessohn aber das Gottesreich ist, dann ist der Vaterunser-Vers „Zu uns komme Dein Reich“, der Tag für Tag von Millionen Christen auf der ganzen Welt gebetet wird, nichts anderes als die Bitte um einen lebenden Meister – ein spirituelles „U-Boot“ im klerikalen Christentum, das die Notwendigkeit lebender Meister bis heute verleugnet!
Antwort: Tatsächlich richtet Jesus das Vaterunser an „ganze Volksscharen“ (vgl. Mt 4,25), die noch nicht zu seinem Jüngerkreis zählen, sondern erst noch den Boden bereiten müssen, bis sie für die Einweihung auf den inneren Gottespfad reif sind. Diese Vorbereitung geschieht im Allgemeinen im Rahmen der etablierten Glaubensgemeinschaften mit ihren äußeren Verehrungsformen.
Solche organisierten Religionen entstehen (wie auch das Christentum) erst nach dem Ende der spirituellen Mission von Gottessöhnen und Propheten durch Nicht-Eingeweihte. Diese Institutionen können ihren Anhängern die direkte innere Verbindung mit den göttlichen Offenbarungen nicht mehr geben, halten aber die Erinnerung an Leben und Lehre ihrer angeblichen „Gründer“ wach, in diesem Fall an das Vaterunser und seine spirituelle Botschaft.
Frage: Aber steht nicht ausdrücklich im Evangelium, das Gottesreich auf Erden bräche an, wenn die Menschen Jesus am Ende der Welt „auf den Wolken kommen sehen“ (vgl. Mt 24,30)?
Antwort: Erstens steht hier nicht, dass sie Jesus kommen sehen werden, sondern den Menschensohn. Und zweitens kommt dieser mit großer Macht und Herrlichkeit“ (Mt 24,30). Wenn in der Bibel von Macht oder Kraft bzw. „Herrlichkeit“ oder Glorie die Rede ist, geht es immer um Wirkungsweisen der Gotteskraft: Hier ist mithin von einer inneren Erfahrung die Rede.
Aus dem Zusammenhang, in dem die so genannte „Widerkunftsrede“ (Mt, Kap. 24) steht, geht überdies hervor, dass Jesus seine Jünger damit auf die Zeit vorbereitet, in der er physisch nicht mehr bei ihnen sein wird. In dieser Zeitspanne werden sie ohne seine direkte spirituelle Führung sein.
Da Jesus jedoch versprochen hat, seine Jünger nicht als Waisen zurückzulassen (vgl. Jh 14,18), wird er ihnen „bald“ (vgl. z. B. Off 3,11) einen anderen Tröster geben (vgl. Jh 14,16), der sie aus diesen Nöten befreien und denselben Pfad weiterlehren wird wie er. Das ist der kommende Menschensohn, auf den er sich im Folgenden bezieht. Dieser neue Meister wird sich den Empfänglichen unter den Jüngern schon vorher im Inneren zu erkennen geben, und zwar in wolkigem Licht, einer spirituellen Offenbarungsform, die schon in den Veden detailliert beschrieben wird, der ältesten heiligen Schrift der Menschheit. Auch im Alten Testament ist sie vielfach bezeugt.
Im Buch Daniel 7,13-14 findet sich z. B. folgende Parallele zur „Widerkunftsrede“: „Ich war immer noch in der Beschauung der nächtlichen Gesichte, da kam auf den Wolken des Himmels eine Gestalt wie ein Menschensohn... Ihm wurde nun Macht und Herrlichkeit und die Königsherrschaft gegeben ... und sein Reich sollte niemals untergehen.“
Antworten: Soami Divyanand