Magazin Visionen - Einfach. Besser. Leben.

Nicole Nau - Foto: Nau

Im Gespräch mit der Tango-Tänzerin Nicole Nau

Als Nicole Nau vor rund 25 Jahren das erste Mal nach Buenos Aires flog, um alles über den Tango zu lernen, konnte sie nicht wissen, dass sie dort ihre zweite Heimat finden und eine der bekanntesten Tango-Tänzerinnen des Landes werden würde.

Die gebürtige Düsseldorferin und ihr Mann, der erfolgreiche Tänzer Luis Pereyra, tragen die Botschaft dieses Tanzes und damit auch die Kultur Argentiniens in ihren atemberaubenden Shows hinaus in die Welt. Über ihr bewegtes Leben hat Nicole Nau ein sehr offenes und ehrliches Buch geschrieben. Mit VISIONEN sprach die 50-Jährige über ihre Liebe zum Tanz und zu Argentinien, die spirituelle Seite des Landes und die kulturellen Wurzeln des Tango.

Was macht die Faszination Tango aus: die Musik, die Bewegung oder die Emotion?

Für mich ist der Tango eine sehr sinnliche Geschichte, und wenn ich sinnlich sage, meine ich damit alle Sinne. Es geht ums Hören, ums Spüren, ums Riechen, ums Wahrnehmen, kurz um alle Sinne, die gleichzeitig angesprochen und  gespürt werden. Das bringt einen einerseits sehr intensiv in Kontakt mit der Musik, andererseits mit dem Tanzpartner und sich selbst.

Ich muss zugeben, dass ich die ersten zehn Jahre, die ich in Argentinien war, gar nicht so richtig an den echten Tango herangekommen bin. Obwohl ich damals schon sehr bekannt und mit Leidenschaft dabei war, hatte ich immer das  Gefühl, die Musik ist größer als ich selbst. Das hat mich sehr unzufrieden gemacht. Da kam ich schnell an einen Punkt, an dem die Bewegung einfach nicht mehr gereicht hat. Tango wird erst dann wirklich schön, wenn man in die Musik  hinein tanzen kann und der Körper zu einem weiteren Instrument wird.

Dazu muss das eigene Instrument (der Körper) entsprechend gestimmt sein. Dabei war es mir enorm wichtig, den Tango noch einmal ganz neu zu begreifen. Natürlich ist er einer der vielen populären Tänze, die Argentinien hat, und er ist  auch einer der Eckpfeiler dieser Kultur. Doch er ist so eng mit dem Land verbunden und darin verwurzelt, dass man ihn nicht einfach daraus herauslösen kann. Denn die argentinische Kultur aus allen Teilen des Landes fließt ständig mit hinein.

Wenn man die Kultur und die Menschen Argentiniens wirklich kennen lernt, dann erst versteht man, was es zum Beispiel bedeutet, wenn beim Tango der Tänzer mit dem Absatz auftritt oder warum er diese und jene Geste macht, warum  die Musik verzögert oder auf eine ganz bestimmte Weise gespielt wird. Wenn man das nicht nur intellektuell versteht, sondern auch fühlt, wird es noch viel tiefer und facettenreicher. Es bleibt nicht da hängen, dass man jemanden imitiert
und etwas einfach nur nachmacht.

Wie lange gibt es den Tango schon?

Der Tango hat eine hundertjährige Geschichte als populäre Musik Argentiniens. Wenn man dabei seine Entwicklung betrachtet, kann man sie mit 100 Jahren Pop-Musik vergleichen, denn die wurde in den verschiedenen Jahrzehnten von  so unterschiedlichen Künstlern wie Frank Sinatra, den Beatles oder Queen geprägt. Auch der Tango hat rein musikalisch gesehen all diese Facetten. Dabei gibt es gute, wie schlechte oder mittelmäßige Tangos. Er kann dramatisch oder witzig sein, dynamisch oder getragen. Je nach dem, welches Repertoire man auswählt, um es zu tanzen, hat es auch seinen Einfluss auf die Tänzer. Die Tiefe, die ein Tango auch haben kann, vergleiche ich gern mit der Oper. Er hat das  Potential einer Oper und die Energie eines Rock-Konzerts.

Wenn man Ihnen und Ihrem Mann Luis beim Tanzen zuschaut, wirkt das Zusammenspiel zwischen Ihnen beiden wie ein Dialog. Spiegelt das die Themen der Instrumentalstücke wider oder den Inhalt der Liedtexte?

Es ist tatsächlich ein Dialog zwischen den beiden Tanzpartnern, weil der Mann nicht führt, wie es bei vielen anderen Tänzen üblich ist, und die Frau ihm nicht einfach nur folgt. Denn das wäre für sie eine viel zu passive Rolle. Es ist auch  nicht so, dass die Frau die Bewegungen des Mannes kopiert, wie es beim Standard oft der Fall ist. Vielmehr tanzt sie das, was er fühlt, und die Musik setzt beide in Bewegung.

Die Texte im Tango Argentino sind oft sehr dramatisch bis weinerlich. Es heißt, ein junger Mensch kann einen Tango in seiner ganzen Tiefe nicht verstehen. Natürlich kann jeder dazu tanzen und die Musik aufnehmen, aber nur ein reiferer  Mensch kann auch die Texte wirklich begreifen.

Es gibt beispielsweise ein Lied, das Das letzte Besäufnis heißt. Oder es geht um verpasste Gelegenheiten. Es ist entweder das große Drama oder es sind Texte, die – und das sagt selbst mein Mann Luis –  kaum zu ertragen sind. Da klagen  Männer, die ihre Frauen verlassen haben oder die ihre Verflossene nach 40 Jahren wieder treffen und sie fragen, Was ist aus dir geworden, du siehst so alt aus, wie der Fuchs um deinen Hals. Übrigens ist die Musik zu diesem Stück, das auch Der graue Fuchs heißt, sehr witzig und schnell. Das tanzen wir immer mit einem Lächeln im Gesicht, wenn wir die instrumentale Version wählen.

Wenn man ein Stück für eine Show auswählt, muss man schon wissen, ob man es lieber gesungen oder instrumental nimmt. Wenn man sich für die gesungene Version entscheidet, muss man auch den Inhalt tanzen.

Manche Texte schrammen auch schwer am Kitsch vorbei. Die sollte man auf keinen Fall übersetzen. Im Spanischen klingt es dann doch noch einmal etwas anders.

Sie schreiben in Ihrem Buch, der Tango in seiner Grundform sei eine Art Blues Argentiniens. Das heißt, es gibt den Tango gar nicht. Woher kommt er denn ursprünglich?

Der Tango ist zwar ein populärer Tanz, aber man lernt ihn nicht, indem man in eine Tanzschule geht und ihn systematisch übt. Denn er ist nicht standardisiert. Es ist ein Tanz, der im Volk entstanden ist und der daher natürlich auch sehr viele Möglichkeiten hat, sich auszudrücken. Aber es gibt nur einen einzigen Tango-Argentino. Der hat musikalisch schon eine gewisse Grundstruktur, mit Adagio und Variation. Darüber hinaus können verschiedenste Melodien geschrieben  werden. Es gibt auch beim Tanz ein Grundstück und bestimmte feste Elemente. Diese Grundelemente werden vom Volk allerdings ganz individuell genutzt. So kann der eine anspruchsvoll tanzen, der andere weniger, der eine virtuos, der  andere weniger. Je nach dem, welche Musik dazu auch gewählt wurde. Übertragen auf die Pop-Musik hieße das, es ist etwas anderes, wenn ich zu den Beatles tanze als zu Queen.

Sie beschreiben am Anfang Ihres Buches, dass Sie das Tanzen als junge Frau auch als eine Art Reinigung erlebt haben, das Abstreifen vom Stress im Job, von Problemen in der Familie etc. Wie ist das heute  für Sie?

Für mich ist heute der Tanz das Absolute, bei dem ich einfach ich selbst bin und frei sein kann. Ich glaube, ich wäre kein glücklicher Mensch, wenn ich nicht jeden Tag tanzen würde. Dadurch bin ich ausgeglichen, glücklich, satt, zufrieden.  Ich bin einfach ich selbst. Ich denke, das ist für jeden Tänzer der Ansatz, es für sich selbst zu brauchen. Der innere Antrieb gewissermaßen, den jeder Künstler braucht. Und ich glaube, es hat auch etwas damit zu tun, was der liebe Gott  einem mit in die Wiege legt. Es gibt so etwas wie eine Berufung, eine innere Stimme, der man einfach folgen muss. Ich lebe den Tanz.

Sie leben inzwischen seit 25 Jahren in Argentinien, ein halbes Leben. Hat sich mit der Zeit Ihre Sicht auf das Land und die Menschen verändert?

Absolut! Die ersten Jahre in Argentinien bin ich auf das Klischee hereingefallen. Ich habe das Land in seiner ganzen Oberflächlichkeit aufgenommen und ich habe lange gebraucht, bis ich mitbekommen habe, was dahinter steckt. Ich bin  viel kritischer geworden, was die Regierung und das Land an sich betrifft. Und ich habe erst viele Jahre nachdem ich dort angekommen bin, nämlich als ich mit Luis zusammen kam, das Argentinien kennen gelernt, das dem Touristen verborgen bleibt. Seitdem hat sich sehr viel für mich verändert. Denn ich habe dabei ein Volk kennen gelernt, vor dem ich Hochachtung habe. Gerade dieses Landvolk, das mit Würde und Stärke seine Armut und das Sein trägt. Dieses  einfache Volk habe ich sehr lieben gelernt. Ich bin auf so viele Blender hereingefallen. Das hat dazu geführt, dass ich die Menschen in meinem Leben mit anderen Augen sehe, und nicht nur in Argentinien. Es gibt eine Bescheidenheit und  Einfachheit in diesem Volk, die für mich einen so großen Wert hat, dass ich es schade finde, dass gerade diese Leute so selten gesehen werden.

Sie beschreiben im Buch Ihren ersten Besuch auf dem Land bei der Familie Ihres Partners Luis Pereyra. Die Menschen dort haben sich einen Aberglauben und etwas Heidnisches erhalten. Welche Rolle spielt das Religiöse und Spirituelle in der argentinischen Kultur?

Das Religiöse ist in Argentinien wahnsinnig wichtig. Dadurch habe ich den Glauben auch noch einmal ganz anders entdeckt. In Deutschland ist Glaube ja immer mit dem Gang in die Kirche verbunden oder gilt als irgendwie altmodisch und  verklemmt. Glaube hat ja auch immer etwas Festgefahrenes, das nicht in unser freies Denken passt – woran die Kirche leider auch nicht ganz unschuldig ist. Was ich allerdings sehr schön finde ist, dass in Argentinien der Glaube etwas  Alltägliches ist. So gehört es beispielsweise einfach dazu, wenn ich an einer Kirche vorbeigehe, dass ich mich bekreuzige. Und das nicht, weil ich so tief religiös wäre oder fanatisch, sondern weil Jesus einfach jemand ist, den man  grüßt und dem man damit seinen Respekt entgegenbringt. Die Mutter Gottes ist für uns da und sie betet für uns. Es ist auch völlig normal, zu verschiedenen Heiligen zu gehen, weil sie für die Menschen da sind und man mit ihnen sprechen  kann.

In der Kirche wird oft sehr lustige und launige Musik gemacht. Da wird Gitarre gespielt und dazu gesungen. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass die Kirche und die Religion in den Alltag gehören. Der Priester ist keine Ehrfurcht gebietende  Respektsperson, sondern vielmehr ein Freund, dem man auf die Schulter klopfen kann und dem man sich anvertraut.

Das Ganze ist durchmischt mit heidnischen Elementen. Es gibt auch sehr viele heidnische Musiktexte, obwohl die Mehrheit im Land katholisch ist. Das Heidnische ist besonders weit verbreitet bei der Landbevölkerung. Luis hat mir erzählt, dass die Menschen dort nicht nur sehr arm sind, sie haben auch kein Wasser, keinen Strom, keine Schulen für die Kinder, keine Arbeit und auch sonst kaum Hab und Gut. Wen wenn nicht die alten Götter und Heiligen, die schon  die Mutter, die Groß- und Urgroßmutter angebetet haben, sollten sie ansprechen? Und welche, wenn nicht die über Generationen weitergegebenen Riten und Bräuche sollten sie nutzen in ihrer Not? Denn der Glaube ist stark, dass es  vielleicht doch noch helfen könnte, wenn schon kein anderer da ist, der helfen kann.

Ist Papst Franziskus nicht auch Argentinier?

Ja, er kommt auch von hier. Er war Bischof von Buenos Aires und er hat sich auch die Präsidentin Christina Kirchner mal vorgenommen und ihr ins Gewissen geredet. Sie kleidet sich gern in Designerkleider, düst mit dem Helikopter mal  eben hierhin und dorthin und redet dabei immer davon, wie sehr sie sich doch um die Armen sorgt. Natürlich tut sie auch viel. Aber für wen? Diejenigen, die in der Großstadt leben, nicht für die Leute vom Land. Weil die wählen gehen. Die anderen sind ihr komplett egal. Es geht dabei nur um Macht.

Wenn ich dann solche Geschichten wie die von diesem Bischof aus Limburg höre, der so unfassbar viel Geld für einen Bau verschwendet hat, packt mich die Demut und ich denke, vielleicht muss es Menschen wie ihn geben, damit sie als  abschreckendes Beispiel die Menschen aufrütteln.

Wenn dem so ist, dann ist es wohl Fügung, dass Franziskus den Stuhl Petri eingenommen hat anstelle seines Vorgängers, der ja auch gern mal in speziell für ihn angefertigten Designerschuhen herumlief  oder auf einen großen Fuhrpark zurückgriff, neben vielen anderen Annehmlichkeiten, die sein Amt mit sich brachte.

Papst Franziskus greift wirklich durch. Was Ratzinger betrifft, der hat das gelebt, wie er auch aufgewachsen ist. Der kannte es ja nicht anders. Papst Franziskus kennt hingegen das Leben in Armut. Ich glaube, es ist nicht zufällig passiert,  dass jemand wie er nun Papst geworden ist. Ich glaube ja an den lieben Gott und ich denke, der hat schon seinen Plan, warum wer wann zum Papst wird. Allerdings finde ich, dass man Ratzinger keinen Vorwurf machen kann. Sein Anliegen  war eher intellektueller Natur. Er ist ein sehr gebildeter Mensch, der sich darum gekümmert hat, dass man die Schriften richtig versteht. Aber er findet es eben auch normal, dass er als Papst Designerschuhe trägt.

Buchtipp: Nicole Nau, Tanze Tango mit dem Leben: Die Geschichte einer leidenschaftlichen Liebe

Claudia Hötzendorfer

Visionen Newsletter abonnieren

Herzlich willkommen bei VISIONEN!

Bewusst & nachhaltig gelebtes Leben im Hier und Jetzt liegt uns am Herzen, das möchten wir mit Dir teilen.
Als Dankeschön für Dein Interesse an unserem Newsletter schenken wir Dir € 5.-
im visionen-shop (ab Bestellwert € 20)

€ 5,-
Gutschein

nach oben