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Gefühle sind flüchtig und unbeständig. Aber manche Gefühle, wie Angst und Wut, können so mächtig sein, dass sie uns überwältigen und in einen Strudel des Leids hinab ziehen. Thich Nhat Hanh rät dazu, starken Gefühlen mit Achtsamkeit zu begegnen und sie aufzulösen.

Wie wir starke Gefühle umwandeln können

Jedes Mal, wenn wir eine starke Welle der Angst, der Wut oder der Eifersucht empfinden, können wir uns um diese negative Energie kümmern, damit sie uns nicht zerstört. Es muss keine Konflikte zwischen den verschiedenen Elementen unseres Seins geben. Es sollte lediglich das Bemühen geben, sich darum zu kümmern und sie zu verwandeln.

Wir müssen gegenüber unserem Leiden, unserem Schmerz und unserer Angst eine Haltung der Gewaltlosigkeit einnehmen.

Starke Gefühle wie Angst oder Verzweiflung können überwältigend sein. Mit zunehmender Übung aber wissen wir, dass wir lernen können, unsere Angst zu umarmen, denn jeder Mensch trägt den Samen der Achtsamkeit in sich. Wenn wir uns darin üben, ihn täglich beim Gehen, Sitzen, Atmen, Lächeln oder Essen zu berühren, kultivieren wir die Energie der Achtsamkeit. Dann können wir immer, wenn wir diese Energie benötigen, den Samen einfach berühren, und sofort ist sie da und wir können unsere Gefühle damit umarmen. Gelingt uns dies nur ein einziges Mal, werden wir ein kleinwenig mehr Frieden gefunden haben und uns weniger ängstigen, wenn sich dieses starke Gefühl das nächste Mal zeigt.

Nicht ablenken oder verdrängen

Nehmen wir an, tief in Ihrem Bewusstsein seien sehr viel Schmerz, Kummer oder Angst verborgen. Bei vielen von uns sind großer Schmerz und großes Leid in den Tiefen des Bewusstseins verborgen, deren Anblick wir nicht ertragen. Damit wir sicher sein können, dass uns diese ungebetenen Gäste keinen Besuch abstatten, müssen wir immer etwas zu tun haben. Wir widmen uns anderen „Gästen“ – wir lesen eine Zeitschrift oder ein Buch, wir schalten den Fernseher oder die Stereoanlage ein. Wir tun, was wir können, um unsere Aufmerksamkeit mit irgendetwas zu füllen. Dies ist die Praxis der Unterdrückung und des Verdrängens.

Die meisten von uns verhängen eine solche Sperre über sich. Da wir unserer Angst, unserem Kummer und unserer Depression nicht Tür und Tor öffnen wollen, holen wir viele andere Dinge herein, um uns zu beschäftigen. Und es gibt immer vieles, was uns hilft, uns von den Vorgängen in unserem Inneren abzulenken. Wir haben viele Möglichkeiten der Unterhaltung – vor allem das Fernsehen, das wie eine Art Droge für uns sein kann.

Ist das innere Leiden unerträglich, schalten wir mitunter das Fernsehgerät an, um unseren Schmerz zu vergessen. Es füllt unser Wohnzimmer mit Bildern und Tönen. Wir haben selbst, wenn uns das Programm nicht gefällt, oft nicht den Mut, den Fernseher auszuschalten. Warum? Weil es zwar uninteressant oder gar beunruhigend ist, wir das aber immer noch besser finden, als zu uns selbst zurückzukehren und den Schmerz in unserem Inneren zu berühren.

Sich erden mit Bauchatmung

Es gibt mehrere einfache Möglichkeiten, mit starken Gefühlen umzugehen. Eine davon ist die „Bauchatmung“, also aus dem Bauch heraus zu atmen. Wenn wir von einem starken Gefühl wie Angst oder Wut ergriffen werden, richten wir unsere Aufmerksamkeit nach unten auf den Bauch. Auf der Ebene des Verstandes zu verweilen, ist nicht sicher. Starke Gefühle sind wie ein Sturm, und inmitten eines Sturmes zu stehen, ist sehr gefährlich. Trotzdem tun die meisten Menschen genau das, wenn sie aufgebracht sind. Sie verharren im Sturm ihrer Gefühle und lassen sich davon überwältigen.

Wir müssen uns stattdessen erden, indem wir die Aufmerksamkeit nach unten sinken lassen. Wir konzentrieren uns auf unseren Bauch und üben das achtsame Atmen, indem wir unsere ganze Aufmerksamkeit auf das Heben und Senken der Bauchdecke richten.

Wenn Sie einen sturmgepeitschten Baum betrachten, sehen Sie, dass der starke Wind seine Äste und Blätter heftig hin und her schleudert. Sie haben den Eindruck, dass er dem Sturm nicht standhalten wird. Wenn Sie von einem starken Gefühl erfasst werden, sind Sie wie dieser Baum. Wie er fühlen Sie sich verletzlich. Sie können jederzeit brechen. Doch wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit nach unten auf den Stamm richten, sehen Sie die Dinge anders. Sie erkennen, dass der Baum fest steht und tief im Boden verwurzelt ist. Wenn Sie den Stamm betrachten, werden Sie erkennen, dass der Baum nicht davon geweht werden kann, weil er fest im Boden verwurzelt ist.

Im Sitzen oder Stehen ähneln wir diesem Baum. Wenn der Sturm der Gefühle über Sie hinweg zieht, sollten Sie nicht auf der Ebene des Gehirns oder der Brust verharren, wo er am heftigsten ist. Wenn Sie von starken Gefühlen überwältigt werden, sollten Sie nicht dort verharren. Es ist zu gefährlich. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit nach unten auf den Bereich des Bauchnabels – das ist Ihr Stamm, also der festeste Teil von Ihnen – und üben Sie sich im achtsamen Atmen.

Werden Sie sich des Hebens und Senkens der Bauchdecke bewusst. Wenn Sie in einer stabilen Haltung wie etwa im Sitzen üben, werden sie sich viel besser fühlen. Atmen Sie einfach. Denken Sie an nichts. Atmen Sie mit der Bewegung, mit dem Heben und Senken Ihrer Bauchdecke. Üben Sie zehn oder fünfzehn Minuten, und das starke Gefühl wird durch Sie hindurch ziehen.

Gefühle sind nur Gefühle

Die Meditation hat zwei Aspekte: Der erste ist das Innehalten und Zur-Ruhe-Kommen, der zweite das tiefe, transformierende Schauen. Wenn Sie genügend Achtsamkeitsenergie besitzen, können Sie tief in jedes Gefühl hineinschauen und seine wahre Natur erkennen. Dann werden Sie in der Lage sein, es zu verwandeln.

Natürlich sind die Gefühle tief in uns verwurzelt. Sie sind so stark, dass wir glauben, es nicht zu überleben, wenn wir sie einfach zuließen. Wir verleugnen und unterdrücken sie, bis sie schließlich explodieren und uns und andere verletzen. Aber ein Gefühl ist nur ein Gefühl. Es kommt, bleibt eine Weile und geht dann wieder. Warum sollten wir uns oder andere nur wegen eines Gefühls verletzen? Wir sind so viel mehr als unsere Gefühle.

Wenn wir tief schauen können, können wir die Ursachen unserer schmerzlichen Gefühle erkennen und mit der Wurzel ausreißen. Es kann bereits sehr hilfreich sein, uns lediglich darin zu üben, unsere Gefühle zu umarmen. Wenn wir in dem kritischen Augenblick, in dem wir das Gefühl empfinden, wissen, wo wir Zuflucht nehmen können, wenn wir ein- und ausatmen und unsere Aufmerksamkeit fünfzehn oder zwanzig oder gar fünfundzwanzig Minuten auf das Heben und Senken unserer Bauchdecke richten können, wird der Sturm vorüberziehen und wir werden wissen, dass wir überleben werden.

Gelingt es uns, starke Gefühle zu überwinden, erleben wir einen unerschütterlicheren Geistesfrieden. Sobald wir diese Praxis beherrschen, legt sich die Angst. Beim nächsten starken Gefühl wird es leichter. Wir wissen bereits, dass wir es überleben können.

Das Innehalten lernen

Wenn Sie wie die meisten Menschen sind, sind Sie zeitlebens in Eile. Dies ist inzwischen zu einer festen Gewohnheit geworden, die bereits Generationen Ihrer Ahnen besaßen und an Sie weitergegeben haben – die Gewohnheit, zu rennen, angespannt zu sein, sich von vielen Dingen mitreißen zu lassen, so dass Ihr Geist niemals vollkommen, tief und freundlich im gegenwärtigen Augenblick ist. Sie gewöhnen sich an, die Dinge sehr oberflächlich zu betrachten und sich von falschen Wahrnehmungen und den daraus resultierenden negativen Gefühlen mitreißen zu lassen. Dies führt zu Fehlverhalten und macht Ihnen das Leben schwer.

Die Praxis besteht darin, das Innehalten zu lernen – statt diesen Dingen weiter hinterherzulaufen. Selbst wenn Sie weder Ärger noch Wut, Angst oder Verzweiflung empfinden, laufen Sie diesem oder jenem Projekt oder Gedankengang hinterher und haben keinen Frieden. Üben Sie deshalb auch dann oder gerade dann, wenn Sie überhaupt keine Probleme haben, im Hier und Jetzt zu sein, entspannt zu sein, innezuhalten und zu den Wundern des gegenwärtigen Augenblicks zurückzukehren.

Ist Ihr Geist ruhig, können Sie ein tiefes Verständnis der Dinge entwickeln. Wenn Sie sich aufrichtig im Innehalten üben, müssen Sie sich nicht im tiefen Schauen üben, da Sie die Dinge bereits tief verstehen.

Innehalten und tiefes Schauen sind eins. Es sind zwei Aspekte der gleichen Wirklichkeit. Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit auf etwas Wichtiges richten, zwingt das Ihren Geist zur Konzentration, und wenn Sie konzentriert sind, halten Sie inne und schauen tief.

Anspannung loslassen

Verweilen Sie also friedlich beim Ein- und Ausatmen im gegenwärtigen Augenblick. Wenn das Gefühl zu stark ist und Atmen allein nicht genügt, damit Sie innehalten und sich entspannen, verlassen Sie das Haus und gehen Sie. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Schritte, um Ihrem Geist das Innehalten zu erleichtern. Lassen Sie nicht zu, dass er Sie mit Gedanken, Urteilen, Ärger, starken Gefühlen oder Projekten ablenkt. Kehren Sie in den gegenwärtigen Augenblick zurück, halten Sie inne und entspannen Sie sich. Halten Sie inne und lassen Sie Unruhe und Anspannung los.

Wenn Sie geistig loslassen, entspannen Sie auch körperlich, da Körper und Geist zwei Aspekte einer Wirklichkeit sind. Eine zu starke geistige Anspannung, zu viele geistige Probleme wirken sich tagtäglich auf Ihren Körper aus. (Natürlich braucht Ihr Körper aber auch Bewegung und eine gewisse Zirkulation, damit keine Spannungen entstehen.)

Durch das Innehalten – ob in der Geh- oder Sitzmeditation – gewinnen Sie die Kontrolle über die Situation. Sie beherrschen Ihren Körper und Ihren Geist. Lassen Sie sich nicht von Unruhe, Angst oder Furcht mitreißen, denn dann ähneln Sie einem entthronten König. Bei dieser Praxis geht es darum, die Herrschaft wiederzuerlangen. Durch achtsames Gehen und Sitzen gewinnen Sie die Herrschaft über sich zurück.

Vorleben und vermitteln

Können wir entspannen, wenn starke Gefühle aufkommen, geben wir sie nicht an unsere Kinder und künftige Generationen weiter. Bleiben wir bei unserer Angst und unterdrücken sie, um sie dann explodieren zu lassen, geben wir sie an die jungen Menschen in unserer Umgebung weiter, die sie aufnehmen und ebenfalls weitergeben werden. Wissen wir dagegen mit ihr umzugehen, werden wir auch den geliebten und den jungen Menschen eher helfen können, ihre Angst zu bewältigen.

Wir können ihnen zur Seite stehen und sagen: „Mein Liebling, atme mit mir ein und aus. Achte auf das Heben und Senken deiner Bauchdecke.“ Weil sie Sie dabei beobachten können, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie Ihnen zuhören werden. Weil Sie da sind und Achtsamkeitsenergie und Festigkeit bieten, wird auch Ihre Tochter oder Ihr Partner die emotionalen Stromschnellen durchqueren können. Sie werden wissen, mit dem geliebten Menschen an ihrer Seite können sie das starke Gefühl überstehen – genau wie Sie. Sie leben vor, wie man im Angesicht der Angst ruhig bleibt, und lehren junge Menschen, ihre eigenen Stürme zu überstehen.

Dadurch vermitteln Sie ihnen eine wertvolle Fähigkeit, die ihnen irgendwann vielleicht sogar das Leben retten wird.

Auszüge mit freundlicher Genehmigung aus: Thich Nhat Hanh, Der furchtlose Buddha. Was uns durch die Angst trägt. Arkana Verlag, 2013.

Thich Nhat Hanh, 1926 in Vietnam geboren, sozial engagiert buddhistischer Mönch und Zen-Meister, gehört zu den bedeutendsten spirituellen Lehrern der Gegenwart. Er lebt seit 1966 im Exil in Europa und engagiert sich in der Friedensarbeit und Flüchtlingsbetreuung.

Thich Nhat Hanh

 

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