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Torsten Brügge über Nutzen und Qual der Advaita-Sprechweise

Jede Subkultur hat ihre eigene Sprache. Sie ist Ausdruck und Funktion dessen, was vermittelt werden soll. In der Satsang- und Advaita-Szene gibt es interessante neue Ausdrucksweisen, die allerdings auch zu abstrakten Worthülsen ausarten können.

Besonders deutlich wurden mir diese Merkwürdigkeiten einer „spirituellen Sprache“, als ich zufällig ein Youtube- Video von einem recht bekannten Advaita-Lehrer sah. Dieser Lehrer gehört zu denjenigen, die sehr die absolute Ebene des Unpersönlichen betonen – mit Botschaften wie „Es gibt kein Ich“ oder „Niemand handelt“ usw. Der Interviewer stellte im Video eine Reihe von ähnlichen Fragen. Sie wurden vom Lehrer auf ähnliche Weise beantwortet. Das lief in etwa so ab:

Interviewer: „Wie ist es denn jetzt für dich: Hast du noch Ängste?“ Lehrer: „Angst taucht auf. Aber es gibt kein Ich, das diese Angst hat.“ Interviewer: „Hmm, und wie ist es mit Wut: Wirst du manchmal so richtig wütend?“ Lehrer: „Wut taucht auf. Aber es gibt niemanden, der sie hat.“ In der Art ging es noch etwas weiter. Dann machte der Interviewer irgendeinen Scherz. Die Atmosphäre lockerte sich. Beide begannen öfters zu lachen. So drehte sich das Gespräch zunächst in eine andere Richtung. Doch plötzlich fiel dem Interviewer wieder eine Frage ein: „Was ich auch noch wissen wollte: Träumst du eigentlich noch?“ Der Lehrer antwortete im heiteren Gesprächsfluss spontan: „Ja natürlich träume ich…“ Dann spürte man förmlich, wie sich der Lehrer innerlich auf die Zunge biss. Mitten in der Formulierung von „ich“ rief er sich selbst zur Ordnung und stoppte. Dann antwortete er ernst: „Träume tauchen auf, aber es ist keiner da, der träumt“.

An dieser Stelle musste ich herzlich lachen. Mir wurde noch mal um einiges deutlicher, wie ich selbst in der Vergangenheit wohl auch einer ähnlichen Künstlichkeit – getreu der Advaita-Sprechweise – verfallen war. Bloß nicht von der absoluten Wahrheit abweichen! Bloß dem Ich-Gedanken kein Gewicht geben! Immer sofort auf das transzendente Sein schauen! Das war die damalige Maxime.

Meist ist, wer andere von seinem Niemand- Sein überzeugen muss ein fetter Jemand. (Torsten Brügge)
Torsten Brügge

FOTO: Thinkstock

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