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Visionen

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Eine Mutt er schildert den Verlust ihrer 16-jährigen Tochter

Nach vielen Jahren intensiver Auseinandersetzung mit ihrer Leukämie starb Pauline 2006 im Alter von 16 Jahren. Ihre Mutter Isabel Schupp teilt in ihrem gerade erschienenen Buch „Die Nacht bringt den Tag zurück“ ihre Trauer und tiefe Erkenntnisse mit. Wie ergreifend das sein kann, wird schon in den ersten Seiten deutlich.

Prolog

Vor langer Zeit bat ein reicher Kaufmann einen Weisen, ihm eine Kalligrafie anzufertigen. Er bestellte einen Segenswunsch für sich, seine Familie und seine Nachkommenschaft. Der Weise nahm einen Bogen Hanfpapier und schrieb in großen Schwüngen: Vater stirbt, Sohn stirbt, Enkel stirbt.

Noch ehe er den letzten Buchstaben zu Papier gebracht hatte, riss ihm der Kaufmann den Pinsel aus der Hand und schrie: Ich habe dich gebeten, meiner Familie Lebensfreude und Zufriedenheit zu wünschen, und du schreibst über den Tod? Ich werde dir die Hände abhacken lassen.

Der Weise lächelte: Mein Freund, ich sehe du bist rot vor Zorn. Doch höre: Wenn dein Sohn vor dir stirbt, so ist das ein großes Unglück für dich und deine ganze Familie. Wenn dein Enkel vor deinem Sohn stirbt, ist das ebenfalls eine Tragödie für deine ganze Nachkommenschaft. Wenn aber deine Familie in der von mir beschriebenen natür- lichen Reihenfolge ihr Leben lässt, so ist das ein großes Glück. (Geschichte aus dem Zen)

 

Liebe Pauline

Manchmal möchte ich ein Leierkastenmann sein. Ich möchte mitten auf einem belebten Platz stehen und traurige Lieder singen von meiner geliebten Tochter Pauline. Davon, dass sie so früh sterben musste und dass ich ihren Tod nicht verhindern konnte. Von der jahrelangen Angst möchte ich singen, vom Krankenhaus, von der Chemo- therapie und von den Schmerzen, die sie aushalten musste. Von ihrer Hoffnung, ihrer Mutlosigkeit und ihrem Kampf, den sie schließlich verloren hat. Und ich möchte davon singen, wie sehr ich sie vermisse. Ich möchte, dass die Leute sich um mich versammeln, um mir zuzuhören und um mit mir zu weinen. Manchmal möchte ich ein Bänkelsänger sein. Ich möchte von Haus zu Haus ziehen und von meiner tapferen Tochter Pauline erzählen. Von meiner fröhlichen Tochter Pauline, die trotz ihrer schweren Krankheit so viel Spaß am Leben hatte. Von meiner muti- gen Tochter, die es immer wieder gewagt hat, dem Tod ins Auge zu blicken. Von meiner anstrengenden Tochter Pauline, die sechzehn Jahre lang unser aller Leben bereichert hat. Von unserem Schatz, von unserem Reichtum. Ich möchte von dir erzählen, damit ich von dir erzählen kann und damit alle deine Geschichte kennen. Und manchmal möchte ich auf einen hohen Berg steigen und so laut schreien, dass die Welt erzittert. Damit ich schreien kann und damit alle es hören.

Isabell Schupp

FOTO: Pauline Schupp

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