Magazin Visionen - Einfach. Besser. Leben.

Visionen

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Rumi - Lied der Rohrfloete

Hör auf der Flöte Rohr – wie es erzählt, und wie es klagt
Vom Trennungsschmerz gequält:

„Seit man mich aus der Heimat Röhricht schnitt,
Weint alle Welt bei meinen Tönen mit.
Ich suche ein Herz, vom Trennungsleid zerschlagen,
Um von der Trennung Leiden ihm zu sagen.
Sehnt doch nach dem in Einheit Lebensglück
Wer fern vom Ursprung, immer sich zurück.
Ich klagt’ vor jeder Gruppe in der Welt,
Ward Guten bald und Schlechten bald gesellt.
Ein jeder dünkte sich mein Freund zu sein,
Sucht mein Geheimnis nicht im Herzen mein.
Und doch, so fern ist’s meiner Klage nicht,
Dem Ohr und Auge fehlet nur das Licht.
So sind auch Leib und Geist einander klar.
Doch welchem Auge stellt der Geist sich dar?
Kein Hauch, nein, Feuer sich dem Rohr entwindet,
Verderben dem, dem diese Glut nicht zündet.

Der Liebe Glut ist’s, die in’s Rohr gefallen,
Der Liebe brausen lässt den Wein nur wallen.
Die Flöte der getrennten Freundin,
sie zerreißt die Schleier, doch die Melodie
Wer sah als Gift, als Gegengift ihr Gleiches?
Wer sah als Tröster und als Freund ihr Gleiches?
Vom Pfad im Blute will das Ohr berichten,
Von Madschnuns Lieb erzählet es Geschichten.
Vertraut mit diesem Sinn ist nur der Thor,
Der Zunge Kunde höret nur das Ohr.
In Leid sind unsere Tage hingeflogen,
Und mit den Tagen Klagen mitgezogen.
Doch zieh’n die Tage, lass sie zieh’n in Ruh,
Wenn Du nur bleibst, der Einen reinster Du!
Der Fisch nur wird vom Meere niemals satt,
Lang wird der Tag dem, der kein Tagbrot hat.
Der Rohe kann den Reifen nicht versteh’n,
So soll mein Wort denn kurz zu Ende geh’n.

Dschelaleddin Rumi

FOTO: Thinkstock

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