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Klangschalen

Müde sitze ich im Flugzeug nach Nepal und warte gespannt auf den Anflug auf Kathmandu. Bei schönem Wetter kann man die mächtigen Berge aus den Wolken blitzen sehen. Jetzt tauchen sie in der Ferne auf. Es ist ein phantastischer Blick auf eine gewaltige Bergwelt. In Kürze werden wir landen.

Meine Gedanken sind jetzt bei meinem wichtigsten Vorhaben für diese Reise - ich möchte mir die Klangschalen-Manufaktur anschauen, sie war durch das Erdbeben zerstört. Jetzt wurde sie mit unserer Unterstützung neu aufgebaut. Ich frage mich, wie es jetzt aussieht.

Gegen Abend widme ich mich meinem Ankommensritual. Vom Guesthouse aus gehe ich zur Boudhanath-Stupa, um dort den Tibetern bei der Umrundung der Stupa in der Abendsonne zu zusehen. Ich sehe vor allem ältere Menschen in ihrer beeindruckenden tibetischen Tracht. In der einen Hand die Gebetsmühle und auf den Lippen ein Omani Padme Hum. Es gibt nicht mehr viele Orte außerhalb Tibets, an denen man einen so tiefen Einblick in die Jahrtausend alte Tradition bekommen kann.

Am nächsten Tag um neun Uhr treffe ich mich mit meinem Lieferanten. Die Fahrt findet nicht wie vereinbart mit dem Auto statt, sondern auf einem kleinen Motorrad. Ich sitze ohne Helm auf dem für meine Größe viel zu knappen Rücksitz und halte mich krampfhaft am Gepäckträger fest. Wohlfühlen ist etwas anderes. Selbst nach Jahren habe ich die Verkehrsregeln in Kathmandu nicht verstanden. Lautes Hupen, direkter Gegenverkehr, es ist immer wieder ein Abenteuer, besonders auf einem Motorrad. Ich bin froh, als wir von der vielbefahrenen Ringroad abbiegen in eine ländliche Gegend. Es wird ruhiger, die Schlaglöcher nehmen ab und mein krampfhaftes Festhalten am Gepäckträger kann sich entspannen.

Dann endlich sind wir da. Ram, mein Lieferant, nennt es seine Fabrik, sie ist sein ganzer Stolz. Am Rande des Grundstücks sehe ich kleine Gebäude, in der Mitte den traditionellen Altar.

Laut ist jetzt das Hämmern zu hören. Vier Männer schwingen ihre schweren Vorschlaghämmer in schnellem Rhythmus – tack, tack, tack– wieder und wieder – dann eine kleine Pause. Die ursprüngliche Metallplatte wird im offenen Ofen wieder zum Glühen gebracht und dann erneut mit den Hämmern bearbeitet. Tack, tack, tack- und wieder sind die schnellen Hammerschläge im Rhythmus zu hören. Langsam entsteht die Form einer Klangschale.

In einem alten Holzregal steht die halbfertige Arbeit des gestrigen Abends, es war Vollmond. Ich erinnere mich gern daran, wie die Idee für unsere Vollmond-Klangschalen entstand. Vor einigen Jahren saß ich abends auf dem Dachgarten im Guesthouse und schaute dem wunderbar hell leuchtenden Vollmond über Kathmandu zu - der Vollmond über Kathmandu erschien mir an diesem Abend größer und heller. Da kam mir die Idee! Wir produzieren eine Klangschale an Vollmond. Vor allem das verzweifelte Gesicht Rams werde ich wohl nicht vergessen, als ich ihm am nächsten Tag den Auftrag dazu gab.

Meine Kunden aus Österreich und der Schweiz waren sofort begeistert von den energievollen Schalen mit ihren feinen Klängen. Insider sagen, wenn die Kraft des Mondes die Meere bewegen kann, dann verändert sich auch der Klang einer Klangschale, wenn sie an Vollmond gefertigt wird. Neumond und Sonnwendschalen folgten später, jeweils nur einige wenige Stücke für Liebhaber.

Die äußerlich noch rohen Schalen im Holzregal klingen bereits sehr eindrucksvoll - die feinen, vielfältigen Klänge stehen im Kontrast zum lauten Straßenlärm. Nach der Politur und dem Gravieren sind sie dann endlich fertig für die Reise nach Deutschland.

Ich bin sehr zufrieden mit der neuen Fabrik und den verbesserten Arbeitsbedingungen. Mal wieder bin ich fasziniert davon, mit welch einfachen Mitteln in Handarbeit diese wunderbaren Schalen entstehen.

Nach vielen Gesprächen und einem warmen Tee fahre ich entspannt zurück ins Guesthouse – diesmal nicht mit dem Motorrad – lieber mit dem Taxi.

Horst Oberle

Klangschalen-Center GmbH
in Aschaffenburg.
www.klangschalen-center.de
Buch: Die Kraft der Klangschale,
ISBN 978-3898453806

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