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Sylvester Walch

Ein Brückenschlag zwischen Psychotherapie und Spiritualität – Fragen an Dr. Sylvester Walch

Seit vielen Jahren setzt sich der Psychotherapeut Sylvester Walch für ein erweitertes Verständnis von Bewusstsein ein und schaut auch in seinem neuen Buch „Die ganze Fülle deines Lebens“ den Brückenschlag zwischen Psychotherapie und Spiritualität. Denn in jedem von uns schlummern vernachlässigte oder verdrängte Ressourcen und Erfahrungen, die rehabilitiert und erschlossen werden wollen,damit wir ganz und heil sein können. Die Arbeit mit veränderten Bewusstseinszuständen, wie sie in der Transpersonalen Psychologie praktiziert wird, kann nach Walchs langjähriger Erfahrung außeror- dentlich hilfreich sein für diese öffnenden und heilenden Prozesse.

Herr Walch, Sie arbeiten als Psychotherapeut nach dem Ansatz der Transpersonalen Psychologie, der u. a. mit veränderten Bewusstseinszuständen arbeitet. Sind diese veränderten Bewusstseinszustände, die durch eine bestimmte Atemtechnik herbeigeführt werden, an sich spirituelle Erfahrungen?

Walch: Die veränderten Bewusstseinszustände,die durch holotropes Atmen hervorgerufen werden, erweitern und vertiefen unseren Erfahrungsraum. Das bedeutet, dass wir mehr und intensiver erleben können, wer wir wirklich sind und was Leben bedeutet. Holotrope Atemerfahrungen können sich auf alles beziehen,was für unsere Heilung und Entwicklung relevant ist, und sind damit von hoher spiritueller Bedeutung. Ihr inhaltliches Spektrum ist sehr weitläufig und reicht von lebensgeschichtlichen, geburtlichen und transpersonalen bis hin zu mystischen Erfahrungen. Explizit spirituelle Erlebnisse,wie ich sie in meinem Buch „Dimensionen der menschlichen Seele“ beschrieben habe, kommen dabei häufig vor.

Wer sich auf das holotrope Atmen einlässt, erfährt sich als nicht mehr fixiert durch das lebensgeschichtlich bedingte Rollenkorsett seiner Persönlichkeit, sondern viel mehr eingebettet in ein größeres Ganzes und von einer ArtI nneren Weisheit geführt, begleitet von intensiver Energie, umfassendem Mitgefühl und grenzenloser Verbundenheit. Solche Erfahrungen schaffen in der Regel die emotionalen Voraussetzungen für einen offeneren, angstfreien und achtsameren Umgang mit sich selbst und dem eigenen Umfeld, jenseits von kulturellen und welt anschaulichen Festlegungen.

Der sinn stiftende Wesensgrund des Seins ist nicht irgendwo außerhalb zu  finden, sondern tief im eigenen Inneren präsent, führend und unterstützend, sowohl in guten als auch schlechten Zeiten. Im Christentum lautet die Devise „Das Reich Gottes ist in dir“, im Buddhismus „Schaue nach innen, du bist Buddha“, im Islam „Wer sich selbst kennt, kennt seinen Herrn“, im Siddha Yoga „Gott wohnt in dir als Du“ und im Hinduismus „Atman und Brahman sind eines“. Das holotrope Atmen eröffnet einen solchen Zugang zum All-Einen in uns.

Seit über 30 Jahren begleiten Sie Menschen, und in dieser Zeit haben sich unsere Gesellschaft und unsere Kultur radikal verändert. Haben sich die psychischen Probleme der Menschen mit verändert? Welche sind heute nach Ihrer Einschätzung die drängendsten?

Walch: Grundsätzlich können wir davon ausgehen, dass die gesellschaftliche Entwicklung den Menschen verändert, demnach auch seelische Konflikte und deren Verarbeitung beeinflusst. So können wir in unterschiedlichen Zeiten durchaus spezielle Probleme und Störungen beobachten.

Zurzeit sehen wir, dass die umfassende Digitalisierung der Lebenswelten zum süchtigen Umgang mit sozialen Medien und zur Vernachlässigung von direkten menschlichen Beziehungen durch Abdriften in virtuelle Begegnungsräume und Scheinwelten führen kann. Auch die profileorientierte Partnersuche, wie sie von Dating-Portalen angeboten wird, birgt die Gefahr einer realitätsinadäquaten und narzisstischen Beziehungsgestaltung, die innere Vereinsamung und Minderwertigkeitsgefühle begünstigt.

Im familiären Bereich ist es die schwindende Stabilität von Beziehungen,mit Neigung zu schneller Trennung, und all die Probleme, die sich daraus für die Familien dynamik und Identitätsbildung ergeben, was Sorge bereitet.

Im beruflichen Bereich sind es Überforderung, Stress und existenzielle Unsicherheit, auch Mobbing, ablesbar an der Zunahme seelischer Störungen wie etwa Burn-out oder Depressionen. Hohe Mobilitätsanforderungen und häufiger Arbeitsplatz und Berufswechsel tragen dazu bei. Die nahezu
aller orten propagierte Maxime „effektiver und schneller“ beeinträchtigt durch den Zwang zur Selbstoptimierung die Gesundheit des Menschen und begünstigt den Zustand chronischer Selbstentfremdung.

Trotz all dieser aktuellen Probleme gehe ich von einer positiven Gesamtentwicklung der Menschheit aus. Bewusstheit, Mitgefühl und Kooperationsbereitschaft sind verglichen mit früheren Zeiten gewachsen und auf der anderen Seite können wir in der menschlichen Evolution durchaus eine Verringerung der Gewaltausübung feststellen, wie es Steven Pinker in seinem Buch „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“ herausgearbeitet hat.

Fortsetzung in VISIONEN 03/2018

Dr. phil. Sylvester Walch (geb. 1950) ist Ausbilder für Psychotherapie. Seit mehr als 25 Jahren verbindet er in seiner Arbeit Psychotherapie und Spiritualität.  Über viele Jahre leitete er eine stationäre psychotherapeutische Einrichtung und hat Lehraufträge an verschiedenen Universitäten. Er ist Gesamtleiter der Curricula für Transpersonale Psychologie, Holotropes Atmen und körperorientierte Verfahren. Er verfügt über eine langjährige  Meditationspraxis und entwickelte einen ganzheitlichen Weg, in dem seelische Heilung und geistige Praxis integriert werden. Autor mehrerer Bücher: „Subjekt und Realität“, „Dimensionen der menschlichen Seele“,
„Vom Ego zum Selbst“ und „Die ganze Fülle deines Lebens“.

Kontakt:
Dr. Sylvester Walch
Bachstraße 3
87561 Oberstdorf
Tel. +49 (0) 83226611
Fax: +49 (0) 83226601
Mail: sylvester EP_AT walchnet EP_DOT de
Page: www.walchnet.de

FOTO: THINKSTOCK

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