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Liebe ist die Lösung

Indem wir Barrieren zwischen uns und anderen aufbauen, Menschen ablehnen oder ausgrenzen, weisen wir in Wirklichkeit Gott ab. Wir mögen vielleicht nicht alles gutheißen, was andere tun oder nicht tun, aber es ist an uns, das Göttliche in ihnen anzuerkennen und zu respektieren. Der Weg dahin ist die Liebe – die Liebe zu Gott.

Liebe ist das wahre Wesen Gottes. Es ist Seine Liebe, in der wir leben, uns bewegen und unser Sein haben. Und da Gott den Mensch nach Seinem Ebenbild geschaffen hat und ihm Seinen eigenen Lebensodem einflößte, ist die Seele – der spirit oder Geist – nichts als ein Tropfen vom Meer der Liebe. Liebe wohnt darum dem Menschen ebenso inne wie Gott. Wir können uns unmöglich von der Liebe trennen, denn das Leben und Licht Gottes hängen an dem göttlichen Prinzip der Liebe.
Alle Religionen stimmen in der Verkündung der höheren Werte des Lebens überein, sie alle sprechen von der Notwendigkeit, die Tugenden der Liebe, der Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und der altruistischen Wohltätigkeit zu praktizieren. In der Tat gehen alle Tugenden von der Liebe aus. Sie sind gewissermaßen nur diverse Widerspiegelungen der Liebe, der Quelle von allem, was edel und gut ist.

Hier erhebt sich die Frage: Wenn Gott Liebe ist und wir Menschen ebenso eine lebendige Verkörperung der Liebe sind, warum gibt es dann so viel Elend in der Welt? Warum leben wir im Dauerzustand der Angst und des Misstrauens? Warum werden wir hilflos und hoffnungslos wie Spreu in den Sturmwinden und –fluten des Lebens hin und hergeworfen? Der Fehler liegt ganz offensichtlich bei uns selbst, nirgendwo sonst. Trotz aller Reden und Beteuerungen haben wir es versäumt, in unsere Seele hineinzuschauen, unser wahres Wesen zu erkunden und zur Entfaltung zu bringen.

Wo dein Herz hingeht

Im Koran heißt es: „Jeder Liebende braucht einen Geliebten.“ Wer oder was könnte der passende Geliebte für unsere Seele sein? Als Seelen sind wir bewusste Wesen, Bewusstheit ist Teil unseres spirituellen Erbguts. Unser Geliebter sollte daher die Überseele sein, die das Göttliche All-Bewusstsein – Gott – ist. Stattdessen haben wir diese Welt zu unserem Geliebten gemacht, unsere Liebe an die Dinge der materiellen Welt geheftet, und werden natürlich immer wieder zu ihnen in diese Welt zurückkommen, Unsere Liebe sollte aber Gott gehören.

Jeder kann beteuern, dass er Gott oder irgendjemanden liebt, aber wie viele wissen wirklich, was Liebe ist? Liebe, die aufgrund von äußerer Freude und Befriedigung entsteht, ist keine Liebe, denn diese Emotion ist von der eigenen Zufriedenheit abhängig. Im Gegenteil, wer liebt, dem sind die eigenen Wünsche nicht wichtiger als das Wohl des Anderen; er wird anderen helfen und sie unterstützen, ohne zwischen hoch und niedrig, arm und reich zu unterscheiden.

Liebe ist, wenn sich das Herz zu etwas hingezogen fühlt. Sie ist Sache des Herzens, nicht des Verstandes. Wenn das Herz etwas ersehnt, wird es eine Schwingung aussenden, die auf das Ziel seiner Wünsche einwirkt.

Die Liebe bewirkt aber nicht nur Verbindung zwischen dem Liebenden und dem Geliebten, sie bewirkt auch Bindung. Je nachdem worauf sich die Liebe der Seele richtet, verbindet sie sich mit dem Göttlichen (was ihr natürlicher Wunsch ist) oder sie bindet sich an die schönen, aber vergänglichen Dinge der materiellen Welt. Wohin geht man? Dorthin, wo man gebunden ist. Was du in deinem Gemüt hegst und pflegst, daran hängst du, das liebst du in deinem Herzen. Ist es Liebe zu den Dingen dieser materiellen Welt, so wirst du natürlich immer wieder in diese Welt zurückkehren, zu den Dingen, die du liebst. Und wohin gehst du, wenn du Gott bzw. Gott in Gestalt Seiner Heiligen liebst? Zu Ihm natürlich.

Liebe ist nur dann wahre, befreiende Liebe, wenn sie Gott gilt – sonst ist sie Anhaften, Bindung an die Dinge, die einem eine flüchtige Befriedigung schenken. Wir brauchen uns nur in unserem tiefsten Innern selbst zu fragen, wen wir wirklich lieben.

König oder Kieselsteine?

Es gibt eine Geschichte von einem König, der vier Frauen hatte. Er wollte in ein anderes Land reisen und fragte seine Frauen, was er ihnen als Geschenk mit bringen solle. Jede hatte einen anderen Wunsch. Aber die jüngste, die den König am meisten liebte, schrieb ihm: „Ich will nur Euch – sonst nichts. Kommt wieder.“ Als der König zurückkehrte, sandte er den anderen Frauen die Geschenke – zur jüngsten ging er selbst.

Das soll veranschaulichen, dass man bekommt, was man wirklich will. Die Heiligen sagen, dass Gott versprochen hat, dem Menschen alles zu gewähren, was er sich wünscht – was seine Seele wirklich begehrt. Was willst du also wirklich? Wir sagen so leicht: „O Gott, wir wollen Dich“, aber im Grunde wünschen wir uns Dinge dieser Welt: Haus, Familie, Geld, Ansehen… Wenn du Gott in deinem Herzen wirklich liebst, wird er zu dir kommen und sich dir offenbaren.

Wem es um die Liebe zu Gott geht, der verlangt weder die Güter dieser noch anderer Welten. Ihm geht es nicht einmal um Erlösung. Er will nur eines: Nicht Himmel noch Erde, nicht einmal die Erlösung, sondern nur bei Gott zu sein – das ist alles. Wenn wir dieses Verlangen wirklich in unserem Herzen haben, dann werden wir Gott unfehlbar begegnen. Gott wird zu uns kommen. Wenn wir nur einen Schritt in diese Richtung machen, wird Er hundert Schritte machen, um uns zu empfangen.

Wir müssen also entscheiden, was wir im Innersten wollen. Leben wir hier nur wegen weltlicher Dinge? Oder nur um des Ansehens oder der Prestige willen? Leben wir hier, nur um die Gaben der jenseitigen Welt oder den Himmel zu erlangen? Oder sollen wir in Wirklichkeit nach Erlösung, nach Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten streben? Ein wirklich Liebender will nichts von alledem. Er will Gott und nur Gott allein. Das ist das höchste Ideal, das höchste Ziel, dass wir ausschließlich in einer menschlichen Inkarnation erreichen können. Also prüfe dich aufrichtig und entscheide.

Gemeinschaft mit Gottliebenden

Bedenke, dass wirkliche Liebe kein Geschäft ist. Sie ist ohne Warum und Wozu. Liebe bedeutet rückhaltlose Hingabe – Ergebung und Hingabe an das Göttliche. Aber wie können wir sie entwickeln? Wenn du jemanden liebst, wirst du natürlich stets in deinem Herzen liebevoll an ihn denken. Wenn du also Liebe zu Gott entwickeln willst, dann denke Tag und Nacht liebevoll an Gott.

Am wirksamsten jedoch ist es, Gemeinschaft mit jemandem zu pflegen, der vor Liebe zu Gott überfließt, weil er von ihr trunken ist. Seine Seele ist vor Liebe zu Gott berauscht. Der Umgang, den du pflegst, wird auf dich abfärben. Wenn du Freundschaft mit einem Athleten oder einem Ringer pflegst, wirst du Stärke und Kraft lieben. Bewunderst du einen Gelehrten, so wird deine Liebe ebenfalls den Büchern gelten. Und suchst du den Umgang mit einem, der Liebe zu Gott aus jeder Pore, aus jeder Handlung, aus jedem Blick seiner Augen verströmt, dann wirst du natürlich durch seine Ausstrahlung die gleiche Liebe in dir empfinden. Sie wird deiner Seele eingeflößt.
Bulleh Shah, der später als Heiliger bekannt war, suchte einmal seinen Meister auf. Dieser arbeitete gerade im Garten und versetzte Pflanzen, einige hierhin und einige dorthin. Als Bulleh Shah ihn fragte, wie man Gott finden könne, antwortete sein Meister: „O, das ist ganz einfach, es ist wie diese Arbeit hier: Man gräbt eine Pflanze hier aus und pflanzt sie dort drüber wieder ein.“

Du brauchst also deine Aufmerksamkeit nur umlenken – von den Dingen dieser Welt abziehen und zu Gott hin wenden. Gott ist bereits in dir, wie er in jedem Menschen und jedem Lebewesen gegenwärtig ist. Er ist nicht im Himmel, weit weg. Er ist jene unermessliche weise Kraft, die dich im Körper erhält und lenkt. Du kannst Ihm begegnen, indem du deine Aufmerksamkeit nach innen in deine eigene Seele richtest. Darum geht es.

Die eigentliche Aufgabe

Liebe braucht keine Äußerlichkeiten. Sie braucht nicht einmal den Körper, denn sie ist etwas zwischen dir, als Seele, und Gott. Aber die Inkarnation als Mensch ist für dich die günstige Gelegenheit, dich in der Seele Gott zuzuwenden. Der menschliche Körper ist der wahre Tempel Gottes, den du und Gott Seite an Seite bewohnen. Äußere Kennzeichen der Zugehörigkeit zu irgendeinem Volk, einer Religion oder sozialen Klasse spielen keine Rolle. Die Meisterheiligen schauen in ihrer gotterfüllten Liebe nur auf die Seele, und nicht auf das Etikett, das man am Körper trägt. Er sieht dich als Mensch, als Seele. So sollten auch wir auf unsere Mitmenschen schauen. Das braucht die Welt heute. Richte dich nicht nach dem Äußeren der Menschen.

Dies solltest du nicht bloß lesen. Prüfe einfach jeden Tag, wieweit du Liebe zu Gott entwickelt hast. Ein muslimischer Heiliger hat einmal gesagt: „Wenn ihr keine Liebe zu Gott entwickelt habt, seid ihr nichts anderes als Lastesel, vollbepackt mit Büchern und Schriften. Ihr habt ganze Büchereien in eurem Kopf, aber keinen Tropfen davon in eurer Seele.“

Einmal kam ein Student mit einem Buch unterm Arm zu Paramhansa Ramakrishna und jener fragte ihn: „Was für ein Buch hast du da?“ Der Student antwortete, das Buch sei über die Herstellung von Wasser. Paramhansa Ramakrishna lachte und sagte: „Gut, dann presse einige Seiten des Buches aus und schau dir an, wie viele Tropfen Wasser herauslaufen.“ Verstehst du, was er damit gemeint hat? Bücherlesen ist nur der erste Schritt zur Verwirklichung, es ist nicht alles. Wie viele Tropfen Wasser kannst du aus den Seiten eines Buches über Wasser herauspressen? Du sprichst von Gott, von Gott im Menschen und von der Liebe zu Gott – aber wie viele Tropfen Liebe kommen dabei heraus? Darüber sollte man nachdenken. Wir achten nicht darauf. Wir hängen an äußeren, materiellen Dingen. Wir opfern ihnen unser Leben und das macht unsere Lage nur noch schlimmer. Mache also rechten Gebrauch von den Dingen. Und wisse, dass deine eigentliche Aufgabe darin besteht, Gottbewusstheit zu entwickeln.

 Sant Kirpal Singh

Sant Kirpal Singh (1894–1974) wirkte von 1948 bis zu seinem Tod als spiritueller Meister des Surat-Shabd-Yoga. Auf seinen Vortrags-reisen und als langjähriger  Präsident der „Welt gemeinschaft der Religionen“ erwarb er sich im Osten wie im Westen große Achtung und Sympathie.

Inspiration & Information
Kirpal Singh: Wenn Gott auf Erden wandelt
(Sandila Verlag)

FOTO: gettyimages

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