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Nächstenliebe

Niemand kann auf dem spirituellen Pfad zur Einheit mit Gott vorankommen, ohne die Liebe in sich zu entwickeln. Durch stetige Ausrichtung auf dieses Ziel können wir die Wüste unseres Herzens in einen Garten voller Liebe verwandeln.

Gottesliebe gibt es nicht ohne Nächstenliebe

Was zeichnet die Liebe aus, von der alle Mystiker aus Ost und West so eindringlich gesprochen haben? Ist sie das Gleiche wie die Liebe der Welt, die wir schon kennen?

Wenn wir die Bande der irdischen Liebe untersuchen, finden wir, dass darin auf jeden Fall irgendwo ein Quäntchen Selbstbehauptung zutage tritt. In der Beziehung zwischen Eltern und Kindern, unter Freunden, zwischen Mann und Frau ist jeder mehr oder weniger stark von Besitzstreben bestimmt. Diese Art von Liebe kann zwar zu großen Höhen der Selbstaufopferung führen, ist aber trotzdem nicht vollkommen selbstlos.

Die Liebe jedoch, von der die Mystiker sprechen, muss vollständig von Selbstsucht gereinigt sein. Wenn jemand diese völlige Rheinheit noch nicht erreicht hat, ist seine Liebe noch nicht vollkommen und nicht wirklich annehmbar in den Augen Gottes. und so ist die liebe der Mystiker eine Liebe, bie der man sich vollkommen und rückhaltlos der Liebe Gottes unterwirft  und hingibt.

Sich über das Ego erheben

Du magt nun fragen, warum die vollkommene Selbsthingabe auf dem mystischen Pfad so nachdrücklich betont wird. Die Antwort ist ganz einfach: Ohne diese völlige hingabe der letzten Spuren des Egos und der Selbstheit, ohne dieses völlige Vertieftsein des Suchers in den Gegenstand seiner Liebe, kann keinerdie feste, unerschütterliche Konzentration all seiner Kräfte erlangen, die eine Voraussetzung für jeden spirituellen Fortschritt ist.

Absolute Liebe und Selbsthingabe sind nur ein anderer Aspekt vollkommener und fehlerloser Konzentration. In dem Augenblick, wo das Ego in Erscheinung tritt, erhebt sich die frage der Ichheit - damit aber wird die auf ein einziges Ziel gerichtete Konzentration zerteilt und das innere Vorwärtskommen unmöglich gemacht.

Ganz abgesehen davon liegt das Ziel des spirituellen Suchers weit über den Grenzen der Individualität. Sein Ziel ist die Vereinigung mit dem Absoluten, und eine solche Vereinigung muss notwendigerweise eine Verneinung der Grenzen sein, die uns voneinander trennen. Wer sich nicht über das Ego erhebt – jene Kraft, die diese Grenzen schafft –, wie kann der hoffen, zu der Stufe zu gelangen, welche die Verneinung aller Individualität und Verwirklichung der Einheit allen Lebens ist?

Das Licht der Liebe schauen

Wenn sich deine Seele in der Meditation über die Beschränkungen von Verstand und Materie erhebt und in die höheren spirituellen Regionen aufsteigt, wirst du das Licht Gottes in allen Wesen leuchten sehen. Dann empfindest du Liebe für die ganze Schöpfung, sei sie beseelt oder unbeseelt. Diese Liebe ist dir bereits eingeboren. Wenn du Liebe für Gott hast, hast deshalb auch Liebe für alle.

Die Liebe Gottes ist nichts Geringeres als ein Lebensprinzip: die Kraft, die allem Leben gibt. Liebe, Licht und Leben sind sinnverwandte Begriffe. Im Grunde sind wir alle schon tief im Licht und Leben Gottes eingebettet und verwurzelt. Nur sind wir uns dieser Tatsache nicht bewusst, weil wir selten Gelegenheit haben, nach innen zu schauen, und die ganze Zeit über völlig von unserer äußeren Umgebung in Anspruch genommen sind.

Wir haben uns im Spiel des Lebens von unserem Zentrum entfernt. Wir spielen es nur an der Peripherie und sind noch nie in die Tiefen des Lebenswassers hinabgetaucht, das in unserer Mitte entspringt. Darum haben wir nicht die geringste Vorstellung vom Ursprung allen Lebens: der Liebe und dem Licht Gottes. Wenn wir dieses Licht in uns erkennen würden, könnten wir gar nicht anders, als in Seiner Liebe zu leben, die uns Leben gibt und durch die alles Leben besteht.

Es ist dieses weite Meer aus Liebe, Licht und Leben, in dem wir leben, unser wahres Sein haben und uns bewegen. Doch so befremdlich es auch erscheinen mag, kennen wir diese Wahrheit nicht – wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser, der so von seinem Lebenselement durchdrungen ist, dass er es gar nicht mehr bemerkt.

Prüfstein Liebe

Die Liebe ist der einzige Prüfstein, an dem wir messen können, wie weit wir die beiden Prinzipien des Lebens und des Lichts in uns verstanden haben und wie weit wir auf dem Pfad der Selbsterkenntnis und Gotterkenntnis bereits vorangekommen sind. Gott ist Liebe und die Seele im Menschen ist ein Funken dieser Liebe, und diese Liebe verbindet den Menschen einerseits mit Gott und andererseits mit Seiner Schöpfung.

Lasst uns also mit dem Maßstab der Liebe, die das wahre Wesen von Gottes Sein ist, unsere Herzen prüfen. Blüht in unserem Leben die Liebe Gottes auf? Sind wir bereit, einander in Liebe zu dienen? Halten wir unsere Herzen für die gesunden Einflüsse offen, die von außen kommen? Sind wir geduldig und tolerant gegenüber denen, die anders sind als wir? Dehnen sich unsere Herzen aus mit der Schöpfung Gottes, bereit, die Gesamtheit Seines Seins zu umfassen? Bluten wir innerlich beim Anblick der Niedergeschlagenen und Bedrückten? Quälen uns die Qualen anderer? Beten wir für die kranke und leidende Menschheit?

Liebe ausstrahlen

Wenn du Gott wahrhaftig lieben willst, musst du deine Mitmenschen lieben. Du musst für Andere auf dieselbe Weise empfinden wie für deine Lieben. Statt in Anderen Mängel zu sehen, schauen wir besser in uns selbst hinein. Wir müssen mit ihnen leiden, wenn sie unglücklich sind, und uns mit ihnen freuen, wenn sie glücklich sind. Und wir dürfen keinem Seiner Wesen weh tun, keinem Wesen Schaden zufügen.

Es ist wesentlich, ein weiches Herz zu haben, das in liebevollen Gefühlen für die Mitmenschen schlägt. Wenn Gott Liebe ist, so muss die menschliche Seele, die ja ein Funken des göttlichen Wesens ist, göttliche Liebe reflektieren oder ausstrahlen. Diese Liebe sollte universal sein und sich nicht nur auf die eigenen Angehörigen beschränken. Ein Sauerteig aus Liebe wird den ganzen Teig durchsetzen und keinen Menschen in deinem Umfeld unberührt lassen.

Selbstlos dienen

Auf natürliche Weise entspringt aus der Liebe auch die Vorstellung des Dienens und (so ungewohnt es sich für heutige Ohren anhören mag) des Opferns. Denn die Liebe glaubt an das Geben: das Beste was man hat wegzugeben, ohne irgendetwas als Gegengabe dafür zu nehmen, denn dies wäre nichts anderes als ein Tauschhandel, und keine Liebe. „Dienen vor dem Selbst“ ist das Credo der Liebe. Denn wenn du die Dinge genau betrachtest, wirst du rasch erkennen, dass aller Dienst, den wir anderen zu erweisen meinen, für niemand anderen ist als für ein und dasselbe Selbst, das alles durchdringt, einschließlich unseres scheinbar individuellen, von Fleisch und Knochen umhüllten Selbstes. Liebevolles Dienen erfrischt alle Herzen und verwandelt die ansonsten traurige und trostlose Erde in einen wahren Garten Eden.

Wenn selbstloser Dienst freimütig aus den inneren Tiefen eines liebevollen Herzens zu fließen beginnt, wird dieses Herz auf ganz natürliche Weise von der Milch menschlicher Güte durchtränkt. Befreit von den Disteln und Dornen der Überheblichkeit und des Stolzes, wird ein solcher Mensch arglos und ohne Falsch wie eine Taube und sanft wie ein Lamm. Er ist dann nicht mehr imstande, die Gefühle anderer in Gedanken, Worten oder Taten zu verletzen. Er wird nicht mehr bedenkenlos über andere urteilen und unpassende Bemerkungen und Erklärungen über sie abgeben. Der Gedanke „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Matthäus 7,1) wird dafür sorgen, dass er wachsam bleibt.

Liebe entwickeln

Liebevolles und selbstloses Dienen für die Menschheit ist der Eckstein einer jeden spirituellen Philosophie, und niemand kann auf dem spirituellen Pfad zur Einheit mit Gott irgendwelche Fortschritte machen, ohne die Liebe in sich zu entwickeln. Die Saat der Spiritualität, die liebevoll in den dürren Boden unserer Herzen gesät wird, müssen wir mit den Wassern der Liebe tränken, wenn wir rasche Ergebnisse wünschen.

Wir müssen unser ganzes Leben so gestalten, dass alle unsere Handlungen von dieser Liebe zeugen. Wir müssen die Wüste unseres Herzens in einen wahren Garten voller Liebe verwandeln, voll von lieblichen Blüten und süßen Früchten. Aus unseren Herzen soll ein ewiger Quell von Liebe fließen, so dass jeder, der mit uns in Verbindung kommt, mit Liebe voll gesättigt wird, bis zum wahren Innersten seines Wesens.

 Sant Kirpal Singh

Sant Kirpal Singh, (1894 – 1974) wirkte seit 1948 als spiritueller Meister. Auf seinen Vortragsreisen und als langjähriger Präsident der „Weltgemeinschaft der Religionen“ erwarb er sich im Osten wie im Westen große Achtung und Sympathie.

Inspiration & Information
Soami Divyanand: Spirituelle Unterweisungen
(Sandila Verlag)

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FOTO: gettyimages

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