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Welt ist eine Familie

Mit seinem Aufruf zur Einheit der Menschheit und Geschwisterlichkeit inspirierte der spirituelle Meister Kirpal Singh in den 1970er Jahren unzählige Menschen weltweit.

Im Jahr 1974 lud der spirituelle Meister Sant Kirpal Singh zu einer großen überkonfessionellen Konferenz nach Neu-Delhi ein. Das Thema: Die Einheit der Menschheit. Und sie kamen, die Monsignores und Muftis, die Metropoliten und Rabbiner, die Botschafter und Politiker, aber auch viele ganz einfache Menschen guten Willens. Mitten in den Krisen und Spannungen des Kalten Kriegs begriff man die Notwendigkeit einer spirituellen und kulturellen Erneuerung der ganzen Menschheit, über die Grenzen von Nationen und Religionen hinweg. Die Unity of Man-Konferenz inspirierte in der Folge zahllose Menschen zum Dienst am Mitmenschen. Heute, rund 50 Jahre und eine Generation später, droht die Welt schon wieder auseinander zu brechen: Konflikte werden gewaltsam ausgetragen statt friedlich gelöst, Armut und Not treiben Menschen in die Flucht, Bullshitting und Verschwörungstheorien spalten Familien und ganze Gesellschaften, Misstrauen und Entfremdung nehmen zu. Menschlichkeit und menschliche Werte wie Aufrichtigkeit, Respekt und Güte sind gefragt. Kirpal Singhs Aufruf zur Geschwisterlichkeit in der einen Menschheitsfamilie ist heute noch so aktuell wie damals.

  1. Der Mensch, die höchste Stufe in der ganzen Schöpfung, ist im Wesentlichen überall derselbe. Alle Menschen werden auf die gleiche Weise geboren, alle empfangen gleichermaßen die Gaben der Natur, alle haben denselben inneren und äußeren Körperbau und werden im physischen Körper durch dieselbe Kraft überwacht, die – je nach Herkunft – unterschiedlich als „Gott“, „Wort“, „Allah“, „Naam“ usw. bezeichnet wird. Als Seelen sind alle Menschen gleich, sie verehren denselben Gott und sind bewusste Wesen. Vom selben Geist wie Gott, sind sie Glieder Seiner Familie und miteinander als Brüder und Schwestern in Ihm verbunden.

  2. Alle erwachten und erleuchteten Meister und spirituellen Lehrer, die zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten in diese Welt gekommen sind, haben diese unveränderliche Wahrheit in ihrer eigenen Sprache und auf ihre eigene Weise hervorgehoben. Danach bilden alle Menschen, trotz ihrer verschiedenen sozialen Ordnungen und ihrer Religionszugehörigkeit, nur eine Klasse.

  3. Guru Nanak, der große Lehrer und Botschafter des Friedens, sagte: Die höchste Stufe ist, sich zur universalen Bruderschaft zu erheben – ja, alle Schöpfung als Seinesgleichen zu betrachten. Das altehrwürdige indische Mantra: Vasudeva kutumb bukam stellt denselben Grundsatz auf: Die ganze Welt ist eine Familie. Dennoch weiß ein jeder, dass die Welt heute trotz langatmiger und lauter Predigten, in denen sich religiöse und soziale Führer zur Einheit des Menschen bekennen, von vielfältigen Belastungen und Spannungen zerrissen ist. Und in der Tat ein beklemmendes Trauerspiel bietet. Nur allzu oft sehen wir Einzelne im Streit miteinander und Brüder ihre eigenen Angehörigen bis aufs Messer bekämpfen. Auf ähnliche Weise sind ganze Völker ständig in Konflikte und Feindseligkeiten verwickelt, wodurch sie den Frieden und die Ruhe stören.

    Die eigentliche Ursache für die heutige Situation scheint zu sein, dass die Botschaft von der Einheit des Menschen, wie gut das Prinzip in der Theorie auch angenommen wurde, auf die Menschheit im Ganzen keinen Eindruck gemacht hat und nicht in die Tat umgesetzt wurde. Aus berechnenden Motiven werden gleichsam nur Parolen verbreitet.

  4. Es wird allgemein akzeptiert, dass der höchste Zweck des Lebens in einem menschlichen Körper darin besteht, die Einheit der Seele mit der Überseele oder Gott zu erlangen. Aus diesem Grund bezeichnet man den physischen Körper als den wahren Tempel Gottes, in dem Er Selbst wohnt. Alle Religionen legen die Mittel und Wege dar, wie man die Überseele oder Gott erreichen kann; und all die so empfohlenen Mittel und Wege – wie unterschiedlich sie auch erscheinen mögen – führen zu demselben Ziel, so dass es für diesen Zweck nicht erforderlich ist, von einer Religion in eine andere zu wechseln. Man muss nur ernsthaft und beharrlich den Richtlinien folgen, welche uns die Fackelträger zum Erreichen des Zieles aufgezeigt haben.

  5. Es ist jedoch notwendig, größere Anstrengungen zur Verwirklichung der Einheit der Menschen zu machen. Wir müssen erkennen, dass jedes menschliche Wesen ebenso gut ein Mitglied der Menschheitsfamilie ist wie wir selbst und offenkundig mit den gleichen Rechten und Privilegien ausgestattet ist, wie sie uns zur Verfügung stehen. Wir müssen daher sicherstellen, dass das Kind unseres Nächsten nicht Hunger leidet, während unsere eigenen Kinder lustig und vergnügt sind; wenn wir dies wirklich praktizieren, wird ein Großteil der heutigen Konflikte gelöst. Wir alle werden gegenseitige Anerkennung, Respekt und Verständnis füreinander entwickeln und auf diese Weise die groben Ungerechtigkeiten des Lebens beseitigen. Während sich so gegenseitige Anerkennung und Verständnis füreinander entwickeln, werden sie zu einer lebendigen Kraft, die ein Reservoir des Mitgefühls für andere schafft, das wiederum eine zivilisierte Kultur und letztlich Demut – das grundlegende Erfordernis der Stunde – hervorbringen wird.

  6. Die im Februar 1974 in Neu-Delhi veranstaltete Weltkonferenz über die Einheit des Menschen war ein Aufruf an die Welt. Diese Konferenz war vielleicht die erste ihrer Art seit der Zeit von Ashoka dem Großen. Sie wurde auf der Ebene des Menschen abgehalten – mit dem edlen Ziel, universale Geschwisterlichkeit zu fördern, die zu universaler Harmonie führt.

    Diese Botschaft von der Einheit des Menschen muss ungeachtet religiöser und sozialer Etiketten im Herz jedes Menschen ankommen; sie muss jeden Einzelnen erreichen und ihn befähigen, sie in seinem Leben, in seinem Handeln umzusetzen und an andere weiterzugeben. Auf diese Weise könnte die ganze menschliche Gesellschaft erneuert werden.

    In Wahrheit besteht diese Einheit bereits: als Menschen auf dieselbe Weise geboren, mit denselben Vorrechten von Gott, und als Seele – ein Tropfen aus dem Meer der Allbewusstheit, die Gott genannt wird, den wir mit verschiedenen Namen verehren. Doch wir haben diese grundlegende Einheit vergessen. Die Lektion muss nur wiederbelebt werden.

  7. Diese sogenannte Kampagne für die Einheit des Menschen zielt nicht darauf ab, die bestehenden sozialen und religiösen Ordnungen in irgendeiner Weise zu beeinträchtigen. Jede/r möge damit fortfahren, wie bisher auf seine eigene Weise und in seinem eigenen Rahmen für das Wohlergehen und die Höherentwicklung der Menschen zu arbeiten. Darüber hinaus soll diese Kampagne jedoch den Aufruf zur Einheit einer möglichst großen Zahl von Menschen nahebringen, so dass diese Botschaft die trennenden Barrieren des Missverstehens und des gegenseitigen Misstrauens überwindet und jedes menschliche Herz erreicht. Ferner soll die Kampagne nicht durch intellektuelle Überzeugungsarbeit ausgetragen werden, sondern durch den eigenen beherzten Einsatz mit dem tiefen Wunsch, die Einheit der Menschheit im eigenen Handeln umzusetzen, sodass sie zu einer wirklich lebendigen Kraft wird. Einheit unter den Menschen verbreitet sich notwendigerweise eher durch die eigene Selbstumwandlung und das eigene Beispiel als durch öffentliche Erklärungen und Aufrufe.

  8. Es ist wichtig, nochmals klarzustellen, dass diese Kampagne für die Einheit der Menschen nicht auf der Ebene der organisierten Religionen, sondern darüber und unabhängig davon ablaufen muss, ohne irgendwelche religiöse oder soziale Ordnungen in irgendeiner Weise zu beeinträchtigen. Sie bedarf bei ihrer Umsetzung des Segens und der Unterstützung all jener, die an die Botschaft der Einheit des Menschen glauben und es dadurch stärken können, dass sie diese Botschaft in jedes Menschenherz tragen, mit dem sie in Kontakt kommen, und alle von der Notwendigkeit überzeugen, es im täglichen Leben anzunehmen.

    Es wird deshalb dringend ersucht, dass all jene, die diese Botschaft weitergeben möchten, unermüdlich dafür arbeiten, sodass sie die entferntesten Winkel der Welt erreichen möge. Die Begeisterung all jener, die die Botschaft von der Einheit der Menschheit bewundern, ist die wahre Kraft, die hinter der Kampagne am Werk ist.

Mit seinem Aufruf zur brüderlichen Verbundenheit bewegte der spirituelle Meister Kirpal Singh zahllose Menschen zur spirituellen Arbeit an sich selbst und im Dienst der Menschheitsfamilie. Die Kampagne hatte von vornherein transkonfessionellen Charakter. Kirpal Singh warnte stets vor dem Missionieren und Organisieren der spirituellen Arbeit. So sollte dieser Aufruf zur Einheit nicht im Namen seiner Gemeinschaft des Ruhani Satsang noch im Namen irgendeiner anderen Organisation verbreitet werden. Er sollte nicht mit Etiketten versehen werden, denn diese führen auf lange Sicht zu Gruppenidentitäten, Abgrenzung und Differenzen. Die Verwirklichung der Einheit sowie die Verbreitung dieser Idee ist eine persönliche Entscheidung, für die es keinen institutionellen Rahmen braucht.

Zeitgleich mit diesem Aufruf regte Kirpal Singh an, auch im Westen eine Weltkonferenz zur Einheit des Menschen abzuhalten, ähnlich wie sie in Delhi im Osten stattgefunden hatte. Zwanzig Jahre später, im Jahr 1993, fand das Weltparlament der Religionen in Chicago statt.

 Kirpal Singh

Sant Kirpal Singh, (1894 – 1974) wirkte seit 1948 als spiritueller Meister. Auf seinen Vortragsreisen und als langjähriger Präsident der „Weltgemeinschaft der Religionen“ erwarb er sich im Osten wie im Westen große Achtung und Sympathie. Bei der neunten Generalversammlung der UNESCO am 3.11.1956 in Neu-Delhi hielt er einen Vortrag zum Thema “Weltfrieden im Atomzeitalter”, dem die obigen Auszüge entnommen sind.

FOTO: gettyimages

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