Magazin Visionen - Einfach. Besser. Leben.

Ohne Zielbewusstheit und Entschlossenheit kommt man nirgends voran, auch nicht im spirituellen Leben. Jeden Tag auch nur kurz zu meditieren, bringt uns dem spirituellen Ziel näher.

Ein Schüler fragte: „Was muss man tun, um beim Meditieren leichter alles Ichhafte und Habenwollen loszulassen?“

Was muss ein Bettler tun, der vor einer Tür sitzt, um eine milde Gabe zu bekommen? Warten. Das Ganze ist ein Geschenk, kein Ausgleich für eine Leistung, die man selbst erbracht hat – nichts dergleichen. Was ihr in der Meditation bekommt, ist nichts als ein Geschenk. Es hängt einzig und allein von Gottes Gnade ab, ob Er euch etwas gibt oder nicht. Sitzt vor der Tür und wartet. Wartet einfach ab – dann werdet ihr absichtslos. Wer etwas für seine Bemühungen fordert, ist wie ein Geschäftsmann, der für jede Leistung eine Gegenleistung erwartet: „Das bist du mir schuldig geblieben, und dies und jenes hast du mir auch vorenthalten.“ In der Spiritualität ist es nicht so, dass man ein Anrecht auf eine Belohnung für seine Bemühungen hätte. Was immer euch zuteilwird, ist reine Gnade, ein Geschenk, das ihr bekommt, ohne etwas dafür tun zu müssen. Wenn ihr das verstanden habt, hört diese Anspruchshaltung auf. Eure Aufgabe besteht einzig und allein darin, an der Tür zur Göttlichen Präsenz zu sitzen, losgelöst von allen äußeren Dingen.

Ein anderer Schüler warf ein: „Das müssen wir wahrscheinlich erst noch lernen.“

Wieso lernen? Braucht man dazu denn eine Ausbildung? Wenn jemand einem anderen etwas schenkt, dann ist das ein Akt der Güte, der Barmherzigkeit. Ihr braucht einfach nur an die Tür Gottes zu kommen. An wen gehen denn die Geschenke? Doch wohl an die, die bereits vor der Tür Platz genommen haben. Und was ist mit den anderen? Sie werden wahrscheinlich die längste Zeit leer ausgehen.

Ein Ziel haben

Und noch etwas. Wenn ihr vor der Tür Gottes sitzt, dann solltet ihr ganz genau wissen, warum. Was ist wohl der Grund, der euch dorthin geführt hat? Verfolgt ihr bestimmte weltliche Ziele, oder wollt ihr die Dinge der anderen, geistigen Welt erlangen, oder was sonst? Darüber müsst ihr euch im Klaren sein. Wenn ihr vor der Tür Gottes sitzt und dabei ein klar umrissenes Ziel vor Augen habt, bekommt ihr nämlich alles, was ihr wollt – die Dinge dieser und der anderen Welt, ja sogar Gott selbst. Aber dazu müsst ihr ganz genau wissen, was ihr wollt. Und? Tut ihr das?

Außerdem solltet ihr allein an die Tür zu Gott kommen, ohne eure Kinder und Freunde im Schlepptau und unberührt von den Freuden und Leiden der Welt. Gott ist ganz allein und will, dass auch jeder von uns allein zu Ihm kommt. Nicht einmal unseren Körper sollten wir mitbringen. Vergesst euren Körper und euren Verstand. Sitzt einfach nur an der Tür. Das ist nicht schwer und kostet euch nichts.

Wenn ihr an eine Tür klopft, um etwas zu erbitten, dann habt ihr doch auch ein Ziel. Wenn ihr mit einem festen Ziel vor Augen an der Tür Gottes sitzt, sollte euer Wunsch ganz klar umrissen sein. Manchmal sitzen wir da und wissen eigentlich nicht, was wir überhaupt wollen. Ich habe einmal von einem Jungen gelesen, der mit Nachnamen Whittington hieß und Oberbürgermeister von London werden wollte. Um diese Vorstellung zu verstärken, hatte er sich angewöhnt, sich ständig vorzusagen: „Whittington, Whittington, Oberbürgermeister von London.“ Damals war er noch ein Kind, doch es kam der Tag, wo er tatsächlich Oberbürgermeister von London wurde.

Sich entscheiden

Ihr müsst ein klares Ziel vor Augen haben. Stattdessen treibt ihr ziellos umher. Heute wollt ihr dies und morgen das. Einmal sagt ihr: „Die Welt ist wichtiger als Gott.“ Und dann ist es wieder umgekehrt: „O nein! Zuerst kommt Gott, und dann die Welt.“ Und so schwankt ihr andauernd hin und her.

Wenn ihr betet, müsst ihr erstens ganz genau wissen, wen ihr ansprecht und an wen ihr eure Bitten richtet. Das wisst ihr aber nicht. Zweitens müsst ihr Vertrauen in Seine Macht und Seine Fähigkeiten haben, und drittens müsst ihr euch darüber im Klaren sein, was ihr wollt. Bringt es auf den Punkt, und dann setzt euch hin. Was nützt es, alle naselang etwas anderes zu wollen? Als ich mit meiner Ausbildung fertig war, hatte ich auch den Ehrgeiz, es im Leben zu etwas zu bringen. Ich war ein unersättlicher Leser und hätte am liebsten riesige Bibliotheken gehabt und noch etliches andere mehr. Aber ich musste entscheiden, was ich wollte – ob ich meinen weltlichen Ambitionen folgen oder Gott den Vorrang geben wollte. Ich brauchte ungefähr zehn Tage, um einen Entschluss zu fassen. Abends, wenn ich Dienstschluss hatte, suchte ich mir immer einen Ort, wo ich ungestört sein konnte, um mir über meine Ziele klar zu werden. Ich überlegte hin und her und argumentierte stundenlang mit mir selbst – manchmal bis ein oder zwei Uhr früh. Endlich gelangte ich zu dem Schluss: zuerst Gott und dann die Welt. Und seit diesem Tag ging es Schritt für Schritt voran. Jeder Mensch kann sich höher entwickeln.

Tiefer schürfen

Wenn ihr ganz genau wisst, was ihr wollt, bringt euch jeder Schritt näher ans Ziel. Ihr aber grabt hier ein kleines Loch und dort ein etwas größeres, dann lasst ihr alles stehen und liegen und grabt woanders weiter, schürft aber wieder nicht sehr tief. Und schon geht es zum nächsten Grabungsort... Wasser findet ihr auf diese Weise natürlich nirgends, dabei bräuchtet ihr nur an ein und derselben Stelle weiter zu graben, um das Wasser unter euren Füßen zu erreichen.

Viele Menschen sind heute auf der Suche – sie wollen wissen, wie man meditiert und was man tun oder lassen muss, um ein spirituelles Leben zu führen. Dann erklärt ihr ihnen: „Es gibt fünf spirituelle Ebenen. Auf der fünften Ebene residiert Gott und genau dorthin gehen wir.“ Aber was ist, wenn ihr das immerzu nur wiederholt, ohne je einen Fuß auf diesen Weg zu setzen? Das ist unser Schwachpunkt – wir reden von Dingen, die wir in der Praxis nie befolgen.

Wozu macht ihr denn diese ganzen spirituellen Übungen? Doch nicht um ihrer selbst willen, sondern um zu erkennen, wer ihr seid. Wenn ihr euch beim Meditieren über das physische Bewusstsein erhebt, erkennt ihr, dass ihr nicht der Körper seid, sondern Bewusstsein oder Seele. Ihr geht aber schon so zögerlich und zaghaft an die Sache heran, dass ihr überhaupt nicht dazu kommt, einen Schritt ins Jenseits zu setzen, weil ihr ständig zwischen beiden Welten hin- und hergerissen seid. Und falls es doch einmal geschieht, dann hält es euch dort nicht lange. Ihr seht die Tür, schaut kurz hinein und sagt: „Ach, wie gut! Oh, wie schön!“ Und was tut ihr dann? Ihr macht sofort wieder kehrt.

Aktiv werden

Darum: habt ein klares Ziel vor Augen, wenn ihr vor der Tür Gottes sitzt. Seid euch genau bewusst, was ihr wollt, und vertraut aus ganzem Herzen darauf, dass Der, Den ihr anruft, euch auch helfen kann. Christus antwortete einmal einer Frau, die durch ihn geheilt worden war: „Dein Glaube hat dir geholfen“ (vgl. Matthäus 9,22). Sie hatte sich im Vertrauen auf seine Macht an ihn gewandt. Und wenn ich früher betete: „Gott, ich will dir begegnen. Kannst du dich mir nicht offenbaren?“, dann war ich auch immer voller Zuversicht und Entschlossenheit. Darum müsst ihr unbedingt ein klares Ziel vor Augen haben, auch wenn ihr noch nicht wisst, wie ihr dorthin gelangt. Wenn ihr so meditiert, kommt ihr wahrscheinlich schneller voran.

Darum tut um Gottes Willen etwas – tut etwas und macht etwas aus euch! Ich sage ja gar nicht, dass ihr euch nichts Weltliches wünschen dürft. Aber tut etwas. Versucht, etwas aus euch zu machen. Setzt euch ein Ziel und dann arbeitet darauf hin. Lasst alle Fragen beiseite. Fasst einen Entschluss und macht euch dann sofort ans Werk.

Wer regelmäßig jeden Tag ein bisschen tut, kommt langsam, aber sicher ans Ziel – wie eine Schildkröte. Wir aber sind so sprunghaft wie ein Hase, der vor lauter Hakenschlagen ständig seine Richtung wechselt und sich dabei so sehr verausgabt, dass er gleich wieder eine Ruhepause braucht. Unterdessen kommt ein anderer, der Schritt für Schritt vorangegangen ist, noch vor uns ans Ziel. Genauso ist es doch – wir hüpfen ziellos hin und her und kommen dabei keinen Meter weiter.

Es ist Menschenwerk, Fehler zu machen, aber Teufelswerk, sie nicht aufzugeben. Es kann durchaus passieren, dass ihr unterwegs einmal ins Straucheln kommt. Dann steht einfach wieder auf. Erhebt euch, erwacht und ruht nicht, bis das Ziel erreicht ist.

Habt ihr das alles gründlich verstanden? Worauf wartet ihr dann noch? Setzt es doch einfach in die Praxis um.

Kirpal Singh

Sant Kirpal Singh (1894-1974) wirkte seit 1948 als spiritueller Meister. Auf seinen Vortragsreisen und als langjähriger Präsident der „Weltgemeinschaft der Religionen“ erwarb er sich in Ost und West große Achtung und Sympathie.

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Foto(s): gettyimages

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