Wenn man an Spiritualität in der alten Welt denkt, hat man vielleicht Hohepriesterinnen in reich geschmückten Roben vor dem geistigen Auge, wie sie gerade mit einer bunten Gefolgschaft einer hohen Gottheit eine Opfergabe darbringen.
Wenn wir heute von Spiritualität sprechen, dann sehen wir farbenfroh gekleidete Menschen, die am Lagerfeuer zu Handpan und Gitarre Bhajans singen, nachdem sie den Tag mit Yoga, Atemübungen und Meditation am Waldrand verbracht haben. So unterschiedlich diese beiden Szenen auch wirken mögen, sie haben mehr miteinander zu tun, als sich uns auf den ersten Blick erschließt.
Der antiken Lehre von den Weltzeitaltern zufolge gab es vor langer Zeit ein goldenes Zeitalter. Eine Zeit, in der die Aufmerksamkeit der Menschen nicht dem Nehmen galt, sondern dem Geben. Jeder beschenkte seinen Mitmenschen in Liebe Tag für Tag. Die Menschen lebten noch nicht in einem Mangelbewusstsein, sondern in natürlichem Einklang mit der Erde und allen Elementen, Energien und Geistwesen, die sie umgaben.
Dann folgte eine Zeit, in der diese ursprüngliche Harmonie verloren ging. Nun waren die Menschen nicht mehr natürlich mit allen Geistern der Erde verbunden, sondern mussten über Praktiken der Trance und der Meditation ihr Bewusstsein erweitern, damit sie mit diesen Kräften in Verbindung treten konnten. Diese Kräfte halfen ihnen, die Gesetze der geistigen Welt und ihr eigenes Schicksal besser zu verstehen. Der Mensch des goldenen Zeitalters hatte noch keine Geschichte, doch nun hatte jeder ein Schicksal, eine Bestimmung. Das große, nie enden wollende Drama des Lebens begann auf der Erde, und der Mensch versuchte dies für sich zu entschlüsseln. Er mühte sich zu beschreiben, was er in Trance oder Meditation gesehen hatte, und so entstanden unzählige Mythen von Göttern und Dämonen und dem Leben weiser Menschen, die den Pfaden der Götter folgten. Der Mensch schuf Philosophien und Weisheitslehren, versuchte die in und um ihn wirkenden Kräfte zu ordnen und nannte sie Chakren oder Meridiane, Prana oder Chi. Die Spiritualität war nun nicht mehr ein zwangloser Teil des Alltags – der Mensch musste sich vielmehr mit Hilfe von Riten auf seine natürliche Verbundenheit mit Allem zurückbesinnen.
Die Menschen begannen vermehrt Kriege zu führen, für mehr Einfluss und Macht und immer öfter auch für ihre Überzeugung. So wurden Kreuzzüge und Glaubenskriege geführt; der Mensch vergaß, dass Gott viele Namen hat und dass wir alle in dem einen Sein verbunden sind. In der Renaissance stellte der Mensch schließlich sich selbst in den Mittelpunkt, und vor allem auch seinen Geist. So begann er sein Denken allem voran zu stellen und verlor dabei immer mehr seine Verbundenheit mit der geistigen Welt. Doch dann kam eine unerwartete Wende.
Ende des 19. Jh. sammelte Sir John Woodroffe (bekannt unter dem Pseudonym Arthur Avalon) alte heilige Texte Indiens, übersetzte und veröffentlichte sie auf Englisch, u. a. „The Serpent Power“ (1918). So kam die alte Chakren-Lehre Indiens erneut nach Europa und damit in die Neue Welt. Ähnliches taten viele andere Gelehrte dieser Zeit, das Interesse im Westen für das Mystische erstarkte erneut. Spirituell ausgerichtete Gesellschaften wurden gegründet, der Mensch sehnte sich danach, sich wieder zu verbinden mit dem mystischen Urgrund des Seins, welches man nie allein mit dem Kopf verstehen kann.
Nach dem zweiten Weltkrieg entstanden zahlreiche NewAge-Bewegungen; man versuchte, Altes und Neues zu verknüpfen, und da die Riten der alten Zeit für den modernen Menschen kaum noch zugänglich waren, erschuf er sich neue. Er begann intuitiv zu tanzen, zu atmen und zu singen. Dabei beobachtete er genau, was in seinem Innersten passierte, und so entstanden immer mehr neue „Riten“, Einweihungen und Praktiken – von Breathwork über Embodiment bis hin zum modernen Schamanismus.
Heute leben wir in einer spannenden Zeit: Einerseits strebt der Mensch danach, über die Wissenschaft die ihn umgebende Welt restlos zu ergründen, andererseits spürt der Mensch von heute, dass es nicht ausreicht, alles nur im Kopf zu verstehen, sondern dass in unserer Seele eine tiefe Sehnsucht lebt: über Körper, Geist und Seele mit der uns umgebenden Welt verbunden zu sein. Die einen arbeiten mit modernen Werkzeugen, wie Holotropes Atmen oder Gestalttherapie, andere folgen traditionelleren Wegen, wie dem Yoga oder der Chakren-Arbeit, wieder andere interessieren sich mehr für intuitive oder energetische Arbeit. Welchen Weg wir auch wählen, das Maß, in welchem wir uns verbunden fühlen, hängt auch davon ab, inwieweit wir zu dem in uns lebenden Wesen der goldenen Zeit zurückfinden. Dafür ist es wertvoll, zu erkennen, dass das „Drama“ der heutigen Welt etwas ist, das außerhalb von uns stattfindet. In unserer Seele sind wir mit allem verbunden, was wirklich wichtig ist – jeder Grashalm lebt und atmet, jeder Sonnenaufgang ist ein einzigartiges Wunder und jeder Atemzug ist erfüllt von Leben.
Es ist genau diese Energie, die man in der heute neu erwachenden Spiritualität spüren kann. Es ist wundervoll, zu sehen, wie immer mehr junge Menschen nicht nur spirituelle Lehren entdecken, sondern sich auf eine einzigartige Reise zu ihrem wahren, mit allem verbundenen Selbst aufmachen. Dabei nehmen sie die unterschiedlichsten Pfade und probieren sich selbst in den verschiedensten spirituellen Praktiken aus. Der Markt für spirituelle Angebote boomt und damit wächst auch die Gefahr einer Verwässerung. Doch gerade das Überangebot bildet eine gute Messlatte: Was sich für das Publikum bewährt, das hat Bestand. Gleichzeitig erinnert uns alles Neue auch an unsere seit altersher gewachsenen Wurzeln in der Einheit alles Seins. Man darf neugierig dieser neuen Zeit ins Auge sehen.
Wenn wir morgens nach einem etwas wirren Traum erleichtert aufwachen, erkennen wir, dass die Wirklichkeit unseres Traumes nicht die alleinige Wirklichkeit ist. Auf eine ähnliche Art stellt man sich nach der antiken Lehre der Weltzeitalter auch die letzte Phase der Schöpfung vor: Der Mensch erwacht aus dem großen Drama der Kriege und dem Irrglauben, dass die vielen Lehren, Religionen und Riten uns trennen. Denn letztlich tun sie genau das Gegenteil: Sie verbinden uns. Und dieses Erwachen geschieht gerade heute.
Attila Budai
Information & Inspiration
Attila Budai ist Dozent und Ausbilder an der Naturheilschule Isolde Richter.
www.attilabudai.com
Naturheilschule Isolde Richter 79341 Kenzingen Tel. 07644 927883-44
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