Wenn man sich selbst verstehen möchte, neugierig darauf ist, woher bestimmte Gefühle, Verhaltensweisen, woher das innere Erleben, Wünsche und Ängste kommen, dann gibt es kein besseres und wirkungsvolleres Werkzeug als das Enneagramm.
Christian Meyer, spiritueller Lehrer und Diplompsychologe, lehrt neben Meditation diese uralte Typologie der Selbsterkenntnis. Er stellt fest: „In meinen viertägigen Enneagramm-Seminaren lernen Teilnehmer oft mehr über sich selbst als in jahrelanger Psychotherapie.“ Im Interview erläutert er diese Wirkung.
Das Enneagramm bietet neun Typen zum Verständnis unserer Persönlichkeit – ist das nicht sehr kompliziert für eine Meditation?
Christian Meyer – Nicht zum Verständnis unserer Persönlichkeit, sondern zum Verständnis unserer tieferen Charakterstruktur. Nein, es ist nicht kompliziert: Jede Fixierung hat drei Unterfixierungen, entsprechend der drei Triebe: Selbsterhaltung, Arterhaltung bzw. Vermehrung und Gemeinschaftsstreben – insgesamt ergeben sich also 27 Varianten. Nun geschieht etwas Großartiges: In einem viertägigen Seminar werden die Grundlagen aller Fixierungen erarbeitet, und am Ende des Seminars haben 95 % der Teilnehmenden ihre Fixierung selbst erkannt. Es gibt kein vergleichbares System, hier bekommt jeder sich selbst an die Hand.
Das heißt auch, dass man nicht nur sich selbst versteht, sondern gleichzeitig das Werkzeug hat, seine lieben und auch weniger lieben Mitmenschen viel tiefer zu verstehen – gerade in ihrer Andersartigkeit. Das Leben wird spannender und man selbst toleranter.
Kann man das Enneagramm praktizieren – wie hilft es mir bei meiner spirituellen Praxis?
Es hilft zunächst viel mehr für das gesamte Leben. Eine Fixierung ist eine Strategie, mit Gefühlen wie Hilflosigkeit, Ungeliebtsein und innerem Mangel umzugehen. Die Strategien sind sehr unterschiedlich, etwa:
- „Stärker sein als alle anderen, um die erlebte Schwäche nie wieder fühlen zu müssen“,
- „Bloß keine Fehler machen, sonst müsste ich mich so schämen, dass ich ganz alleine dastehe“, oder
- „Lieber tue ich etwas für andere, dann sind sie mir einen Gefallen schuldig und ich kann mich sicherer fühlen.“
Mit dem Enneagramm versteht man seine Zerrissenheit und seine Konflikte – und warum so vieles im Leben langweilig, mechanisch und gleichförmig abläuft oder warum man in verschiedenen Beziehungen immer wieder in derselben Sackgasse landet.
Ja, es hilft bei der spirituellen Praxis entscheidend: Ich entdecke plötzlich Strukturen, warum ich bestimmten Gefühlen ausweiche, warum ich mich immer im Mangelzustand erlebe, warum ich glaube, mit einer bestimmten Fassade andere Menschen für mich gewinnen zu können. Immer mit dem wahnwitzigen Gefühl: „Wenn sie wüssten, wie ich eigentlich bin, würden sie alle weglaufen!“
Wenn ich das erkenne, kann ich viel leichter entdecken, was ich eigentlich bin. Darunter. Viel tiefer, grenzenlos, voller Liebe.
Die Typen stehen im Kreis, es ist also keine Stufenfolge, die ich spirituell erklimmen und „lösen“ kann?
Nein. Jeder hat seine Fixierung als Lebensschicksal. Wenn ich die Struktur erkenne, kann ich, wenn ich wieder glaube, der Stärkere sein zu müssen, wenn ich wieder zu überlegener Rechthaberei ansetze, innehalten – wie ein Alkoholiker, der den Whiskey stehen lässt.
Man braucht kein neues Verhalten einzuüben – das wäre furchtbar und grausam. Nein, man kann jetzt entdecken, was für ein neues Verhalten und Erleben in einem entsteht. Spannend, abenteuerlich, kreativ und spontan.
Woran merke ich, dass ich in meiner Enneagramm-Praxis „richtig liege“ – brauche ich einen Lehrer zur Unterstützung oder Bestätigung?
Die Enneagramm-Arbeit ist zunächst das Verstehen von dem, was vorher verborgen war. Es ist unglaublich, wie befreiend das ist. Und im Seminar wissen alle, dass jeder und jede eine Fixierung hat – das macht es so einfach, sich mit seinen merkwürdigen Strategien zu zeigen und gemeinsam über sich selbst zu lachen. Eine so kreative und wertschätzende Atmosphäre – das allein ist einzigartig und macht ungeheuer viel Freude. Die Wahrheit erkennen – nur sie ist heilsam.
Für den gesamten spirituellen Weg, wenn ich mich mit nicht weniger als der Erleuchtung zufriedengebe, brauche ich kontinuierlich einen spirituellen Lehrer.
Wie lehren Sie das Enneagramm – welche Rolle spielt es in Ihrer Lehre?
Jedes Frühjahr vor Pfingsten mache ich ein viertägiges Enneagramm Seminar – seit 25 Jahren. Und in jedem Herbst gibt es noch einmal ein Seminar zu unterschiedlichen As pekten, etwa „Fixierung und Beziehung“, „Fixierung und Arbeit“, „die Archetypen der Fixierungen“ oder „zu den Unterfixierungen selbsterhaltend, sexuell oder sozial“. Wenn man also will, kann man im Herbst das innere Verstehen von sich selbst und anderen vertiefen, Genaueres über sich entdecken. Auch in anderen Retreats taucht die innere Arbeit mit der eigenen Fixierung immer wieder als Thema auf. Es wird deutlich, dass man in Wirklichkeit diese Strategie, Konflikt und Zerrissenheit nicht ist. Es ist nur die Oberfläche – viel weniger wichtig und auch viel weniger originell, als man bis dahin dachte.
Wie hilft mir das Enneagramm in der schwierigen Lage unserer Lebenswelt?
Es gibt zwei Arten zu leben: Entweder ich lasse mich von außen steuern – von Erwartungen anderer, vom Beruf oder von Social Media – oder ich spüre in mir selbst, was ich brauche und was mir entspricht. In diesem zweiten Fall entsteht ein klares inneres Gefühl von Stimmigkeit, wie ein innerer Kompass. Diese Art zu leben ist das Recht eines jeden Menschen, wird jedoch kaum gefördert. Weder Schule noch Gesellschaft vermitteln, wie man sich selbst wirklich wahrnimmt.
Viele heute verbreitete Methoden zur Selbstoptimierung helfen zwar beim Funktionieren, führen aber nicht in die innere Mitte, nicht zum wirklichen Fühlen und Verstehen. Hier ist das Enneagramm ein grundlegendes Werkzeug für Selbstverfügbarkeit und Selbstermächtigung – um wieder, oder zum ersten Mal, bei sich selbst anzukommen. Wahrheit heilt. Zunächst von unseren Lebenslügen, unseren blinden Flecken. Wahrheit ermöglicht Verstehen. Und plötzlich wird das Leben wesentlicher.
Das Leben bekommt, was man – wenn man ehrlich ist – so oft vermisst hat: Tiefe.
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