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Visionen

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Pfad des Friedens

Jede Generation steht immer wieder neu vor der Aufgabe, Frieden in der Welt zu schaffen. Jeder kann dazu beitragen und auf dem Pfad des Friedens vorankommen, indem er oder sie sich durch spirituelle Praxis transformiert und selbst zum Frieden wird.

Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“, war die Ermahnung des Friedensfürsten Jesus von Nazareth. Sein Aufruf war universell an die Menschen gerichtet und gilt heute genauso wie vor 2.000 Jahren – und er wird auch für zukünftige Zeiten als ein zentrales Lebensprinzip Gültigkeit haben. Solche erleuchteten Seelen leben im Zeitlosen, während sie in der Zeit für alle Zeiten sprechen.

Der Mensch – das besondere Geschöpf

Der Mensch nimmt den höchsten Platz in Gottes Schöpfung ein. Er wird als die Krone aller geschaffenen Dinge bezeichnet. In dem unermesslichen Universum ist sein Platz dem von Gott am nächsten. Selbst die Engel und Götter wurden dazu ausersehen, Gottes Werk, dem Menschen, dienlich zu sein. Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde und stattete ihn mit dem Atem seines eigenen Lebens aus. Er hat für seine Kinder eine unendliche Liebe, die wir uns kaum vorstellen können. Er hat uns diese wunderschöne Erde gegeben, um auf ihr zu leben, und versorgte uns mit zahllosen Gaben von unschätzbarem Wert, um unsere Bedürfnisse zu decken, die Bedürfnisse des sterblichen Körpers, des eigentlichen Tempels Gottes, der uns gegeben wurde, um ihn darin zu verehren und zu verherrlichen.

„Wisset ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid?“, heißt es in der Bibel. Es ist Gottes eigene Botschaft, die uns seit undenklichen Zeiten durch seine Propheten und Messiasse wiederholt verkündet wird. Aber wir Menschen neigen seltsamerweise dazu, sie immer wieder zu vergessen. Wir streunen weit weg von Gott in der Welt herum. Und wenn wir uns in der Wildnis dieser Welt verirrt haben, kommt Gott im Gewand der Heiligen und Seher, um uns an unser reiches Erbe zu erinnern. Sagte nicht Christus, dass er gekommen war, um nach den „verlorenen Schafen“ zu suchen? In der Tat sprechen alle heiligen Menschen Gottes davon, wie sie durch den heiligen Geist bewegt werden. „Die Worte, die ich zu euch rede, die rede ich nicht von mir selbst…, sondern ich rede, wie der Vater mich gelehrt hat.“ (Johannes 8,28) Die Gotteskraft wirkt immer über und durch einen menschlichen Pol, denn der Mensch muss notwendigerweise einen Menschen als Lehrer haben, auf der spirituellen wie auch auf der intellektuellen Ebene.

Innere und äußere Religion

Religion hat zwei Aspekte, einen äußeren und einen inneren Aspekt. Der äußere Aspekt befasst sich mit der korrekten Ausführung der Riten und Rituale, mit den Formen und Formalitäten, mit der zeremoniellen Verehrung, um wirkliche oder eingebildete Ängste zu lindern, Begünstigungen der einen oder anderen Art zu erlangen, Risiken und Gefahren zu meiden oder Krankheiten und Beschwernisse abzuwehren. Kurz, in diese Kategorie fällt alles Tun, welches die Aufmerksamkeit auf der Sinnesebene beschäftigt. Solche Tätigkeiten dienen durchaus einem nützlichen Zweck, denn sie halten den Verstand eine Zeitlang beschäftigt und bis zu einem gewissen Grad in ehrfürchtiger Zurückhaltung, entweder in der Hoffnung auf göttliche Hilfe oder aus Furcht vor dem Zorn Gottes, je nach Vorstellungswelt des Betreffenden. Der innere Aspekt der Religion befasst sich mit der zeitlosen Weisheit des Jenseits – einer Weisheit, die weit über dem Feld von Gemüt und Sinnen liegt und aus dem Inneren Menschen oder dem Geist im Menschen geboren ist und von ihm handelt. Sie ist ein Wissen im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist nicht von der Sinneswahrnehmung abhängig und ist auch ohne sie vollendet. Es ist kurzum die Spiritualität oder das Wissen bzw. die Wissenschaft von der Seele.

Die Tugenden der Liebe

Zwischen diesen beiden Aspekten der Religion – dem äußeren und dem inneren – gibt es noch etwas, nämlich die Kenntnis und Praxis der ethischmoralischen Werte des menschlichen Lebens. Diese Werte bilden eine dazwischen liegende, aber doch wesentliche Stufe, denn ohne sie können wir unmöglich ein spirituelles Leben führen. Ethisches Leben ist ein Sprungbrett zur Spiritualität. Wir können die Segnungen des spirituellen Lebens nicht haben, ohne uns zuerst einen moralisch-ethischen Hintergrund erarbeitet zu haben. Alle Religionen stimmen im Verkünden der höheren Werte des Lebens überein, denn alle sprechen von der Notwendigkeit, die Haupttugenden der Liebe, Wahrheit, Barmherzigkeit sowie den selbstlosen Dienst am Mitmenschen zu praktizieren. In der Tat gehen alle Tugenden von der Liebe aus, sie sind quasi nur verschiedene Facetten der Liebe, der Quelle und dem Ursprung, von allem was edel und gut ist. Liebe ist das wahre Wesen Gottes. Es ist seine Liebe, in der wir leben, uns bewegen und unser Sein haben. Und da Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat und ihm seinen eigenen Lebensodem einflößte, ist die Seele oder der Geist nichts als ein Tropfen vom Meer der Liebe. Liebe ist darum im Menschen eingeboren; wir können uns unmöglich von der Liebe trennen, denn das Leben und das Licht Gottes hängen an dem göttlichen Prinzip der Liebe.

Die Ursache des Elends

Hier erhebt sich die bittere Frage: Wenn Gott Liebe ist und wir eine lebendige Verkörperung der Liebe sind und Liebe das Bindeglied zwischen Gott und dem Menschen ist, warum gibt es dann so viel Elend in und um uns in der Welt? Der Fehler liegt ganz offensichtlich bei uns; denn trotz all unserer Beteuerungen, trotz den vielen ernsten Predigten von Kanzeln und Rednerbühnen versuchen wir nicht, tief genug in den Tiefen unserer Seele zu graben. Wir haben Gott und unser wahres Wesen vergessen, weil wir uns ständig mit dem Verstand bei den Sinnesobjekten in der äußeren Welt aufhalten. Wir sind von dem anmaßenden Ego getrieben, von Habenwollen und Besitzergreifen beherrscht. Und aus Mangel an praktisch erfahrenen, gottverwirklichten Heiligen, die uns auf dem Pfad der Liebe führen, sind wir nicht in der Lage, den eisernen Vorhang hinter den Augen zu durchdringen und die dahinter liegenden astralen und kausalen Welten zu betreten, der großen Wirklichkeit der Gotteskraft gegenüberzustehen und den grundlosen Urgrund zu erkennen. Jenen Urgrund, der alles hervorgebracht hat und für alle Lebenserscheinungen – physisch wie metaphysisch – verantwortlich ist. Auch die Schriften können uns kein adäquates Verständnis von den wirklichen Verhältnissen vermitteln, infolge ihres altertümlichen Wortlautes und der sich widersprechenden Anmerkungen, Nebenbedeutungen und Textverbesserungen durch Schriftkenner, die aber in der praktischen Erfahrung des Göttlichen nicht bewandert sind, wie es die ursprünglichen Autoren der Schriften waren. Darüber hinaus pflegten jene Meister ihre Erfahrungen in Form von Aphorismen niederzuschrieben, die Erklärungen auf bloßer Verstandesebene nicht zulassen. Daher auch hier die Notwendigkeit eines kompetenten lebenden spirituellen Meisters, der die direkte und praktische Erfahrung von seinem eigenen Selbst und von Gott hat und mit der verborgenen inneren Bedeutung der Schriften wohlvertraut ist.

Gott sehen und hören

Spiritualität ist im Grunde genommen die Wissenschaft von der Seele. „Gott ist Geist, und die, die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Johannes 4.24) Der absolute Gott ist eine Abstraktion, ihn hat noch keiner mit den Augen des Fleisches gesehen, noch wird ihn je einer so sehen. Die Augen, die Gott schauen, sind anderer, spiritueller Natur. Jesus Christus sprach vom „einfältigen Auge“ der Seele, welches das Licht Gottes schaut (Matthäus 6.22). In der indischen Spiritualität ist es als Divyachakshu bekannt, und die Muslime nennen es Nukta-i-sweda. Wenn wir die Schriften der Weltreligionen studieren, finden wir gleichlautende Hinweise auf das Licht Gottes, das überpersönliche, unerschaffene und unsterbliche geistige Licht, das nur mit dem Auge der Seele im eigenen Innern gesehen werden kann. Von diesem göttlichen Licht haben alle auf gleiche Weise gesprochen: Moses, Zoroaster, Buddha, Christus, Mohammed, Kabir, Nanak und andere nach ihnen, die es alle tatsächlich in sich selbst gesehen und verwirklicht haben und es ihren Schülern, jedem zur gegebenen Zeit, offenbarten.

Vom Zentrum dieses inneren Lichtes gehen Ströme himmlischer Musik aus, von denen verschiedentlich gesprochen wird als Nada, Sarosha, das heilige Wort, Saut, Shabd oder Naam. Es ist die „Stimme der Stille“, denn in der tiefen Stille der Seele, in der Seele selbst wird sie hörbar. Der hörbare Lebensstrom wohnt jedem empfindenden Wesen inne. Wenn er jemandem durch einen Meister-Heiligen offenbart wird, der die Seele damit verbindet, wird die Seele von ihm über das Körperbewusstsein ins Jenseits emporgehoben. Nur einer, der Gott verwirklicht hat, kann das tun, kein anderer, wie gebildet und intelligent er auch sein mag. Jeder Wahrheitssucher kann mit der Hilfe eines solchen Meister-Heiligen das „Wort Gottes“ berühren und sich damit verbinden, und dies nicht nur für sein eigenes Wohl, sondern für das der ganzen Menschheit. Durch die Verbindung unserer Seelen mit der Gotteskraft können wir uns über die enggesteckten Grenzen von sozialer Klasse, Nationalität und Weltanschauungen erheben und die Wirklichkeit von Angesicht zu Angesicht sehen, um dann zum kosmischen und überkosmischen Bewusstsein zu gelangen.

Verbundenheit statt Kampf

Auf meinen Reisen hat man mich oft gefragt: „Wie können wir in dieser Zeit nuklearer Bedrohung Frieden haben?“ Es gibt nur einen Weg: wir sollten versuchen, nach dem zu leben, was die Heiligen und Propheten in den Schriften gelehrt haben. Das ist der einzige Weg, wie wir den Schrecken des Kriegs entgehen können. Kriege, die im Namen der Religion geführt werden – Kreuzzüge, Jihad, Kriege, um gewisse Ideologien durchzusetzen oder auszumerzen, Freiheitskriege bei den einen und Verteidigungskriege bei den anderen. Zuweilen wundert man sich über die wahnwitzige Aufrüstung mit Waffen von unermesslichem Zerstörungspotenzial. Dabei sind wir alle Angehörige der großen Menschenfamilie. Wir sind innerlich und äußerlich gleich, haben die gleiche körperliche und seelische Konstitution, da wir verkörperte Seelen sind. Wir sind bei aller Vielfalt der äußeren Form eins, eins in der spirituellen Ausrichtung und Verehrung jener Großen Kraft, die wir Gott nennen. Die Unterschiede zwischen den Menschen und Gemeinschaften sind nur äußerlich und berühren nicht den eigentlichen Zweck des Lebens – die Selbsterkenntnis und Gotterkenntnis. Wenn wir erst einmal die zugrundeliegenden Gemeinsamkeiten erkennen und das Selbst im Innern verwirklichen, verwirklichen wir Gott. Menschenwerk mag schwierig sein, aber Gottes Werk ist es nicht.

 Sant Kirpal Singh

Sant Kirpal Singh (1894–1974) wirkte von 1948 bis zu seinem Tod als spiritueller Meister des Surat-Shabd- Yoga. Auf seinen Vortragsreisen und als langjähriger Präsident der  „Weltgemeinschaft der Religionen“ erwarb er sich im Osten wie im Westen große Achtung und Sympathie.

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FOTO: gettyimages

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