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Fülle des Lebens

Ängste und Krisen überwinden –
Fragen an Dr. Sylvester Walch (Teil 2)

Geistiges Wachstum braucht Freiheit, aber auch Mut. Mit welchen Ängsten und Vorbehalten haben die Menschen zu tun, die sich auf die Transpersonale Arbeit mit Ihnen einlassen?

Walch: In erster Linie ist es zunächst die Angst vor dem Neuen und der Veränderung. Wir müssen das so verstehen, dass unsere Psyche entlang früherer Bedrohungserfahrungen innere Sicherheits- und Schutzmechanismen aufbaut, um weitere Belastungen zu vermeiden. Wenn z. B. jemand in seiner Kindheit mangelnde Geborgenheit, gewalttätige Übergriffe oder chronische Konflikte erlebt hat, zieht sich sein inneres Wesen zurück und wehrt sich gegen Impulse, die zu Verunsicherungen führen könnten. Durch Wachstumsschritte dehnen wir aber zwangsläufig unsere Grenzen aus und kommen in Bewegung, und so tauchen im Verlauf dieses Veränderungsprozesses natürlich Ängste und Widerstände auf. Je größer die früheren Belastungen, desto stärker die entsprechenden Abwehrreaktionen.

Ein nächster wichtiger Punkt ist die Angst vor Kontrollverlust. Durch das holotrope Atmen lockern sich die Kontroll- und Zensurmechanismen. Das ist wichtig, um über sich neue Informationen gewinnen zu können und tiefe Einsichten zu erlangen. Wenn nun jemand in einer Atemsitzung plötzlich mit intensiven Gefühlen, wie etwa heftiger Wut oder haltlosem Weinen, in Kontakt kommt, tauchen Befürchtungen auf, dass es nicht mehr aufhören oder von anderen negativ bewertet werden könnte.

Die Teilnehmer haben auch manchmal die Befürchtung, von solchen Prozessen so tiefgreifend erschüttert zu werden, dass sie nicht mehr fähig sind, für ihre Familie zu sorgen oder ihren Beruf auszuüben. Damit verbunden, werden auch Vorbehalte geäußert, abzudriften oder abhängig zu werden. Diese Befürchtungen gilt es in jedem Fall sehr ernst zu nehmen und durch den seriö- sen Aufbau des therapeutischen Settings zu gewährleisten, dass solche schädlichen Nebenwirkungen von vornherein unterbunden werden.

Die Transpersonale Psychologie bietet u. a. auch Wege, um mit spirituellen Krisen umzugehen. Woran kann man als Laie eine spirituelle Krise bei sich oder Angehörigen erkennen und wo Hilfe finden?

Walch: Zunächst einige Vorbemerkungen: Am Beginn eines spirituellen Weges steht die Ahnung, dass das Leben so, wie es sich alltäglich vollzieht, nicht alles sein kann. Damit einher geht der Wunsch, den Raum der eigenen Seinserfahrung zu erweitern und brachliegende Potentiale für eine sinnvollere Lebensgestaltung fruchtbar zu machen. Wer auf der Suche danach zu meditieren beginnt und sich vielleicht einer spirituellen Richtung anschließt, wird relativ rasch über öffnende und belebende Erfahrungen berichten können, die mit einer vorübergehenden Steigerung der Lebensqualität einhergehen. Wir sprechen auch von sogenannten Einladungserfahrungen. Nach beeindruckenden spirituellen Erlebnissen kommt es dann aber häufig zu Krisen, in deren Verlauf das bisherige Leben und seine Beschränkungen als zunehmend leidvoll und sinnlos erfahren werden. Es offenbart sich, dass vieles, was bis dahin wichtig und wertvoll war, auf Dauer nicht wirklich zufrieden stellt. In dieser Schieflage rückt die Frage der Fragen in den Fokus: Wer bin ich wirklich und welchen Sinn hat das Leben?

Dabei tritt das Ego – mit dem gesunden Ich nicht zu verwechseln – als Barriere in den Weg zur Selbstfindung. Um nicht an Einfluss zu verlieren, muss es eine Front gegen Erfahrungen aufbauen, die es infrage stellen könnten. Deshalb kommt es im Verlauf dieses inneren Konflikts oft zu stürmischen Umbrüchen, radikalen Zweifeln und heftigen Krisen, die nicht selten mit bedrohlichen Visionen von Vernichtung und Zerstörung des eigenen Leibs einhergehen können. Diese erweisen sich als szenische Abbildungen der aktuell stattfindenden Egotransformation bis hin zum sogenannten Ego-Tod, vergleichbar dem christlichen Mysterium des Kreuzestodes, in dem das Sterben als Durchgang zum neuen Leben erfahren wird. So bedrohlich sich dies auch anfühlen mag, besteht doch die einmalige Chance dieses Zustandes darin, alte überkommene Persönlichkeitsstrukturen aufzubrechen und eine neue stabilere innere Basis entstehen zu lassen.

Spirituelle Krisen sind notwendige Transformationsprozesse auf unserem inneren Weg. Sie konfrontieren uns mit Fehldispositionen und ordnen unsere Prioritäten neu. Sie helfen dabei, selbstzerstörerische Gewohnheiten und starre Egostrukturen aufzulösen, Schattenaspekte zu integrieren und die hierzu erforderliche Übungsdisziplin in Gang zu bringen. Die Krise ist somit nicht nur eine unangenehme Durchgangsphase, sondern geradezu ein Motor der spirituellen Entwicklung. Sie kann sehr ruhig und latent verlaufen, aber auch heftig und intensiv, wobei es zu extremen Phänomenen kommen kann, wie z. B. spontane Visionen, intensive Gefühlszustände, autonome Körperbewegungen oder scheinbarer Persönlichkeitsverlust.

Diese Prozesse sind manchmal psychopathologischen Phänomenen sehr ähnlich. Umso wichtiger ist es, als Begleiter vorab differenzieren zu können, ob es sich um eine psychische Erkrankung oder eine spirituelle Krise handelt. Menschen, die beispielsweise psychotisch dekompensieren, haben keine Distanz zu ihren Erfahrungen, sie sind vollkommen damit identifiziert. In der spirituellen Krise ist die Realitätsprü- fung weitgehend intakt, sodass der Suchende zwischen inneren Vorgängen und äußeren Situationen recht gut unterscheiden kann. Während der psychotische Mensch sich zurückzieht und unansprechbar wird, hat der Mensch in der spirituellen Krise eher ein Mitteilungsbedürfnis und ist offen für eine Kooperation mit dem Begleiter. Die Kommunikation verläuft dann auch kohärent und nachvollziehbar. Nicht so in der Psychose, wo es zu Denkstörungen, Brüchen und Abschweifungen kommt, die einen Austausch erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen.

Hilfe kann man bei vertrauenswürdigen spirituellen Lehrern oder Psychotherapeuten mit einem spirituellen Hintergrund finden. Es gibt auch das „Spiritual Emergency Network“ (SEN), das kompetente Helfer vermittelt. Im klinischen Bereich sind die Heiligenfelder Kliniken im Raum Würzburg zu nennen.

Sylvester Walch

Dr. phil. Sylvester Walch (geb. 1950) ist Ausbilder für Psychotherapie. Seit mehr als 25 Jahren verbindet er in seiner Arbeit Psychotherapie und Spiritualität. Er leitete über viele Jahre ein psychotherapeutischen Krankenhaus und veröffentlichte zahlreiche wissenschaftlichen Arbeiten. Autor mehrerer Bücher, zuletzt „Die ganze Fülle deines Lebens – Ein spiritueller Begleiter zu den Kräften der Seele“.

Kontakt:
Dr. Sylvester Walch
Bachstraße 3, 87561 Oberstdorf
Mail: sylvester EP_AT walchnet EP_DOT de
Page: www.walchnet.de

FOTO: THINKSTOCK

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